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Vorwort

Ich bin eine Angstpatientin mit Panikattacken.

Ich wurde im September 1966 geboren und berichte aus der Sicht einer Betroffenen, aus meiner Sicht, über die Angststörung Panikattacke. Wissenschaftlich fundierte Thesen oder Fakten werde ich keine darlegen.

Ich stelle meinen Weg in die Angst und meinen Weg aus der Angst heraus vor.

Mein Ziel ist es Menschen, die unter Panikattacken leiden Mut zu machen. Sie sollen sehen, dass sie nicht allein sind und erkennen, dass es einen Weg aus der Panikattacke gibt. Sie müssen sich auf die Suche machen.

Als ich 1997 an Panikattacken erkrankte, fühlte ich mich vollkommen allein auf dieser Welt und unendlich hilflos. Ich hatte keinen Orientierungspunkt mehr.

Es waren zwar immer Menschen um mich herum: mein damaliger Ehemann, meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde, meine Kollegen. Einige versuchten mir Mut zuzusprechen, andere hatten Mitleid, wieder andere offenbarten mir ihre Verständnislosigkeit oder Hilflosigkeit mit diesem Thema.

Bemitleidet werden hilft nicht weiter. Verständnislosigkeit und Hilflosigkeit hilft auch nicht weiter. All das drängte mich noch viel stärker in die Angst hinein und ich war noch verzweifelter und hilfloser. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden und alles andere auch nicht mehr. „Was soll das?“ „Hat diese Angst irgendwann einmal ein Ende?“ habe ich mich immer und immer wieder gefragt.

Ich hätte mir damals gewünscht einen Menschen zu kennen, der mich versteht und der nachvollziehen kann, was mit mir passiert. Aber nicht ein einziger Mensch in meiner unmittelbaren Umgebung konnte auch nur ansatzweise verstehen oder nachvollziehen, was eine Panikattacke ist und was sie mit mir macht. Das haben mir die Menschen um mich herum immer zu verstehen gegeben. Die Angst sperrte mich ein und drohte mir den Verstand zu rauben. Die meisten sagten immer nur zu mir: „Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen“.

Jeder Mensch hat einen anderen, seinen eigenen Weg aus der Angst heraus. In meinen Augen gibt keinen Standardweg wie man aus der Angst herauskommt. Es gibt auch keinen X-Punkte-Plan oder ähnliches. Jeder muss lernen auf sich selbst zu achten, auf sich selbst aufzupassen und tief in sich hineinhören: Was tut mir gut, was tut mir nicht gut. Diese Frage stelle ich mir immer und immer wieder. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich mir klar werden musste, was gut für mich ist und ich in kleinen Schritten gelernt habe, das zu tun, was wirklich gut für mich ist. Das ist richtig harte Arbeit. Und mit einem X-Punkte-Plan innerhalb von X-Wochen, ist das in meinen Augen nicht zu bewältigen. Schließlich haben sich die Gründe, warum man eine Panikattacke / eine Angststörung bekommen hat, über Jahre hinweg subsummiert. Bis die Falle zugeschnappt hat. So war das bei mir.

Ich bin überzeugt davon, dass es für jeden Panikattackepatienten (sofern keine weiteren medizinischen und psychischen Diagnosen dazu kommen) einen Weg aus der Angst heraus bzw. einen Weg gut mit der Angst leben zu können, gibt.

Machen Sie sich auf die Suche. Sie werden diesen Weg finden. Schwere Arbeit ist angesagt. Sie sollten stets im Blick haben, dass die Suche Zeit benötigt, mit vielen Tränen verbunden und emotional sehr schmerzhaft ist und Sie sollen / müssen sich diese Zeit nehmen. Sie haben sich kein Bein gebrochen, das nach ein paar Wochen wieder zusammenwächst. Wenn Sie eine Angststörung haben, dann haben Sie eine psychische Beeinträchtigung, mit der sie meines Erachtens aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit lernen können zu leben.

Wenn die Ärzte festgestellt haben, also ich meine die Schulmediziner, dass sie gesund sind und sie aber dennoch panische Angstzustände erleben, dann sollten sie sich eingestehen, dass sie eine psychische Beeinträchtigung haben. Sich selbst eine solche Beeinträchtigung einzugestehen ist der erste Schritt in die richtige Richtung aber auch der schwerste und härteste Schritt. Das ist sehr, sehr schmerzhaft. Wer gibt schon gerne zu, dass psychisch etwas nicht stimmen könnte? Nicht in diesem unserem Lande. Es ist leider immer noch so, dass Menschen sehr betroffen, hilflos und auch verständnislos reagieren, wenn ein anderer Mensch eine psychische Beeinträchtigung hat. Warum das wohl so ist? Vielleicht haben die anderen ja Angst, angesteckt zu werden oder sie haben selbst etwas Ähnliches erlebt und wollen nicht daran erinnert werden. Keine Ahnung.

Sie sollten sich auf keinen Fall der Angst hingeben und sich aufgeben. Wenn Sie mit Ihrer Angst arbeiten, werden Sie im Laufe der Zeit auch feststellen, dass mehr Menschen von dieser Krankheit betroffen sind, als Sie dachten. Nur die wenigsten möchten darüber reden. Viele, die eine psychische Beeinträchtigung haben, schämen sich zu sehr – auch die Menschen mit einer Angststörung, oder soll ich sagen erst recht die Menschen mit einer Angststörung. Denn Angst hat doch eigentlich nur ein kleines Kind. Oder etwa nicht?

Ich habe mich anfangs auch geschämt, schrecklich sogar.

Teilweise fühle ich mich beschämt, über einige Dinge, die ich in diesem Buch geschrieben habe über mich. Schämen hilft aber nicht weiter. Schämen würde bedeuten, ich möchte wegsehen – das bringt aber nichts. Ich muss immer und immer wieder hinsehen.

Hinsehen, akzeptieren, dass es so ist bzw. war und weiter dran arbeiten. Nur das hilft weiter. Sonst nichts. Nicht aufgeben. Ich habe die Angst als meine Freundin angenommen und ich habe sie personifiziert. Meine Angst heißt Hilda.

Der bedauernde Blick anderer Menschen, wenn sie sagen „Mit dem stimmt psychisch etwas nicht“ spricht jedes Mal Bände. Manchmal muss ich schmunzeln darüber, manchmal macht es mich auch wütend. Eine psychische Krankheit ist immer noch nicht gesellschaftsfähig. Gefühlt wurde ich einfach mal behaupten, dass aber mittlerweile die psychischen Erkrankungen immer mehr zunehmen und es sollte endlich zur Selbstverständlichkeit werden, dass man darüber redet wie man über ein gebrochenes Bein oder einen Blinddarm redet.

Tatsache ist, dass in Deutschland im Jahr 2010 über zehn Millionen Menschen unter Angststörungen litten. Die Tendenz ist steigend. Da viele Menschen sich schämen und sich nicht trauen darüber zu reden oder die Angststörung behandeln lassen, ist anzunehmen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.

Über die Angst

Angst ist eigentlich etwas sehr Sinnvolles. Sie ist normalerweise eine sehr gesunde Alarmreaktion, die uns schützt, wenn unsere Sicherheit oder die Gesundheit bedroht ist.

Es gibt aber auch eine sehr ungesunde Angst. Damit meine ich die Angst vor der Angst, Panikattacken, Angststörung.

Diese Angst sperrt uns in ein Gefängnis ein. Egal in welche Richtung man sich bewegt, diese ungesunde Angst begrenzt, schränkt ein, nimmt einem den Atem, raubt die Freiheit und das Glück.

Sowohl die gesunde als auch die ungesunde Angst treibt unseren Körper für kurze Zeit zu Höchstleistungen. Ungeahnte Kräfte – im positiven, wie negativen Sinn, werden geweckt.

Hier in diesem Buch geht es um das Thema Angststörung und explizit um Panikattacken und die Angst vor der Angst.

Ich berichte aus der Sicht einer Betroffenen, über meinen Weg in die Angst und meinen Weg aus der Angst heraus.

Über mich

Ich wurde am 6. September 1966 geboren.

1987 habe ich meine Allgemeine Hochschulreife absolviert und im Jahr 1990 wurde ich diplomierte Betriebswirtin (BA). Mein Fachgebiet war Handelsmarketing. Während des Studiums habe ich auch den Ausbilderschein (IHK) gemacht.

In den Jahren 1997 bis 2000 und von 2008 bis 2010 hatte ich Panikattacken. In diesen genannten Jahren war ich in psychotherapeutischer Behandlung.

Richtig frei von Panikattacken bin ich seit Mitte / Ende 2017 bzw. Anfang 2018.

In den Jahren 2000 bis 2007 und 2010 bis 2017 war ich auch „frei“ von Panikattacken. Frei in Anführungszeichen, weil ich nicht richtig frei war. Mein Leben, meine Handlungsspielräume waren immer noch eingeschränkt. Aber nicht so, dass mein Leben in wesentlichem Maß beeinträchtigt gewesen wäre. Ich war zufrieden und habe einfach Dinge, bei denen ich Panikattacken bekommen hätte, nicht getan. Das hat mir in dieser Zeit nichts geschadet und es hat mir auch nichts gefehlt. Ich dachte, dass ich glücklich bin. Okay, ich hätte gerne auch andere Dinge gemacht. Aber vor diesen anderen Dingen hatte ich Angst. Diese anderen Dinge haben mir aber in dieser Zeit nicht wirklich gefehlt und ich konnte auf sie verzichten. Das Leben war okay so und ich war arbeitsfähig.

Bevor ich „weiterrede“ möchte ich erklären, was eine Panikattacke ist.

Eine Panikattacke ist eine unglaubliche Todesangst, die einem plötzlich und unerwartet überkommt. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, man hat das Gefühl Tod umzufallen. Es ist schrecklich – es ist eine wirkliche Todesangst. Jemand, der so etwas noch nicht erlebt hat, kann sich das nicht vorstellen. Es ist eine Angst ohne erkennbaren Grund. Es ist die Angst zu sterben. Zugegeben, wirklich schwer vorstellbar. In einer realen Gefahrensituation, ist die Angst ja etwas sehr Positives, weil man extreme Reserven aktiviert und sich in Sicherheit bringen / flüchten kann. In einer Situation, in der keine echte Bedrohung vorhanden ist, und in der man trotzdem eine Todesangst bekommt meint man, man ist „bekloppt“. So erging es mir.

Als mir das zum ersten Mal passiert ist, hatte ich anschließend einen Schock. Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären. Die Angst danach dauerte an und es kam zur Angst vor der Angst – also damit meine ich die Angst, dass eine solche Angst nochmal kommt.

Die Angst vor der Angst sorgte bei mir dafür, dass ich viele Dinge, die ich vorher tun konnte und auch sehr gerne getan habe, plötzlich nicht mehr tun konnte. Die Angst vor der Angst, hält die Angst / die Panik weiter am Leben und verstärkt sie. Tja, und die Angst vor der Angst ist es dann auch, die das Ganze zu einem Krankheitsbild werden lässt.

Um wieder zum Thema zurück zu kommen: Frei von Panikattacken bin ich seit 2018. Das kann ich mit gutem Gewissen sagen.

Warum?

  • Weil ich an Orten, an denen ich normalerweise Panikattacken bekommen würde, keine Panikattacken mehr bekomme,
  • mir sind keine neuen Situationen und Orte bekannt an denen ich Panikattacken bekomme und
  • ich habe auch keine Angst mehr vor der Angst.

Dass ich keine Angst mehr vor der Angst habe, ist eigentlich das Wichtigste und Genialste überhaupt! Ich bin wieder frei beweglich! Ich kann machen was ich will! Das Leben ist so schön! Ich kann das Leben wieder genießen. Ich musste also „nur“ die Angst vor der Angst besiegen.

Ich bin mir aber bewusst, dass die Panikattacken jeden Moment wieder zurückkommen können, wenn ich nicht auf mich aufpasse. Deshalb bezeichne ich mich auch heute noch als Panikattackepatientin. Die Angst wird mich mein Leben lang begleiten – obwohl sie mich im Moment nicht beherrschen oder begrenzen kann. Ganz im Gegenteil. Das Bewusstsein, dass die Angst keine Macht mehr über mich hat, bringt mich zu Höchstleistungen, die ich mir vorher überhaupt nicht hätte vorstellen können.

Die Angst ist heute meine Freundin, meine Heldin, meine Vertraute und auch mein größter Feind. Ich danke ihr für ihre Anwesenheit. Das hört sich jetzt etwas verrückt an. Ist es für Normaldenkende auch. Aber die Angst hat mich gelehrt, gut auf mich aufzupassen. Ich musste mich jahrelang mit der Angst auseinandersetzen. Jahrelang hat mich die Angst diktiert, begrenzt, gelenkt und eingeengt. Ich habe mit der Angst, mit Hilda stets heftige Diskussionen ausgefochten.

Heute kann ich sagen, dass meine Freundin Hilda, die Angst, mich gelehrt hat, in mich hinein zu fühlen, ob mir etwas guttut oder nicht.

Das war anfangs eine sehr schwierige Übung. Heute ist das zum Glück zu einem Automatismus geworden und ich kann zwischenzeitlich sekundenschnell reagieren, ob ich etwas tun möchte oder nicht bzw. ob mir etwas guttut oder nicht. Okay, manchmal stoße ich Leute vor den Kopf und wirke wohl etwas egoistisch. Aber das ist reiner Selbsterhaltungstrieb und Selbstschutz. Ich möchte mich nie wieder in meinem Leben von real unbegründeter Panik, also von Panik, die nur in meinem Kopf stattfindet, überwältigen lassen. Ich möchte nichts tun, nur aus der Motivation heraus, fremde Erwartungen zu erfüllen. Ich möchte nie wieder so eingeschlossen sein, wie ich mal war. Heute bin ich frei! Ich bin!

Die Angst hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ein Mensch, der angstfrei ist. Der Gedanke an die Angst und die Idee, dass sie wieder zurückkommen könnte, hat mich verändert. Ich lebe nicht in Angst. Nein. Dafür ist mein Blutdruck zu niedrig und mein Puls zu ruhig. Aber ich lebe in ständiger Achtsamkeit mir gegenüber. Diese Achtsamkeit hat sich zwischenzeitlich auch ausgeweitet zu einer besseren Achtsamkeit anderen Menschen gegenüber. So kann ich Situationen und Menschen noch besser einschätzen, als vorher. Dafür bin ich sehr froh und auch sehr dankbar. Ich kann anderen Menschen auch Kraft geben, wenn sie das möchten und ich gerade Reserven frei habe.

Angstfrei bedeutet für mich, dass ich mich frei bewegen kann – ich bin in der Lage überall hin zu gehen – sehr gerne auch allein. Egal ob mit Bus, Bahn, Flugzeug, Auto, zu Fuß … das ist klasse und für mich keine Selbstverständlichkeit. Ich kenne andere Zeiten, in denen ich vollkommen bewegungslos und nur von der Angst bestimmt war.

Allein wohin zu gehen musste ich richtig üben und wieder neu lernen. So wie jemand nach einem Schlaganfall wieder reden lernen muss. So musste ich lernen, mich frei zu bewegen. Heute kann ich es wieder. Egal wohin.

Mein Weg aus der Angst heraus war und ist immer noch ein harter Kampf, der stets andauert und nie aufhören wird.

Ich muss mich jetzt zwar nicht mehr aus der Angst herausbewegen, aber ich muss das, was ich mir in den vergangenen Jahren schwer und hart erkämpft habe behalten / verteidigen, dass ich es nicht mehr verliere. Ich möchte nie wieder, psychisch bedingt, unbeweglich werden. Das Leben ist einfach zu schön, als dass man sich von seinen Gedanken und Gefühlen in einen inneren Käfig einsperren lässt – der letztendlich zu einem äußeren Käfig werden würde.

Mein Weg aus der Angst heraus ist kein Standardweg. Es ist mein Weg. Jeder, der Panikattacken hat, muss seinen eigenen und individuellen Weg finden. Jeder muss den Weg finden, der zu ihm passt. Es gibt keinen X-Punkte-Plan dafür. Ich wiederhole mich in diesem Moment, aber das muss jetzt sein.

Ach ja, was vielleicht nicht fehlen sollte: ich gehörte zu den Menschen, die in peinlichen Situationen stark erröteten und die sich dann auch blöd vorgekommen sind, dass das passierte. Das hatte dann letztendlich zur Folge, dass ich noch mehr rot geworden bin, manchmal hat das auch eine leichte Panikattacke verursacht. Das passiert mir heute nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Na ja. Wenn jemand sehr stark eine Situation überspitzt, werde auch ich noch rot. Aber da gehört viel dazu – und heute verschwindet die Röte sehr schnell wieder und ich bekomme keine Panikattacke mehr davon.

Meine erste Panikattacke

Meine erste Panikattacke hatte ich im Sommer 1997 auf dem Weg zur Arbeit. Zu dieser Zeit war ich 30 Jahre alt und seit etwas mehr als einem halben Jahr zum ersten Mal verheiratet.

Wie jeden Morgen habe ich mich für die Arbeit fertig gemacht und bin mit dem Auto Richtung Arbeit, nach Karlsruhe gefahren. Ich wohnte in der zu Baden-Württemberg grenznahen Pfalz und musste jeden Morgen über die Rheinbrücke, auf der es meistens sehr viel Stau gab. Ein paar km hinter der Rheinbrücke, stand ich wie fast jeden Morgen an der Linksabbieger-Ampel am Ärztehaus in Karlsruhe und musste anhalten, weil diese Ampel mal wieder auf Rot geschaltet hat. Plötzlich und unerwartet fing mein Herz wie wild zu rasen an. Das machte mich unsicher und ängstlich. Die Angst steigerte sich zur Todesangst. Mein Atem stockte, ich bekam einen Schweißausbruch. Ich hatte Angst, dass ich jetzt sterbe. So stellt man sich einen Herzinfarkt vor. Aber es passierte nichts. Ich habe keinen Herzinfarkt bekommen – zum Glück! Mein Herz schlug wie wild, ich war Schweiß gebadet, hatte Beklemmungen in der Brustgegend und Schmerzen und die Ampel schaltete wieder auf grün. Okay, ich musste weiterfahren. Die Autofahrer hinter mir haben schon angefangen zu hupen.

Völlig verunsichert, mit Herzrasen und Todesangst fuhr ich weiter. Zum Glück musste ich nur noch ein paar Minuten fahren bis zu meinem Arbeitsplatz. Es war ein Wunder, dass ich heil angekommen bin. Ich habe keine Ahnung wie ich das damals geschafft habe. Es war wie in einem bösen Traum, der nicht enden wollte. Mir sind während dem Weg zur Arbeit so viele Gedanken durch den Kopf gegangen, die Konzentration auf dem Weg war gleich Null, aber ich bin bei der Arbeit angekommen. Ich bin meinem Schutzengel heute noch sehr dankbar dafür.

Ich hatte den Eindruck, dass alle meine Energiereserven aufgebraucht waren und ich zitterte am ganzen Körper. Am Arbeitsplatz angekommen zitterte ich immer noch und war vollkommen fertig, verständnislos und unsagbar müde, ängstlich und schrecklich verunsichert. Was war geschehen? Ich konnte mir das nicht erklären. Bin ich schwer krank? Sterbe ich bald?
Ich habe meinen Mann angerufen, der mich abgeholt und nach Hause gebracht hat.

Die Zeit nach der ersten Panikattacke

Ich bin noch am gleichen Tag zum Arzt und habe ihm geschildert was passierte. Er hat mich für zwei Wochen krankgeschrieben. In den nächsten Tagen standen einige Untersuchungen an: Herz, Schilddrüse, Blutdruck usw. Aber die Untersuchungen ergaben, dass ich vollkommen gesund bin.

Okay. Ich dachte ich sei verrückt. Was war das? Was hatte diese unglaubliche Todesangst, das Herzrasen, die Schweißausbrüche zu bedeuten? Ich bin gesund? Kann nicht sein! Ich hatte das Gefühl durchzudrehen und war verzweifelt. Meine Familie um mich herum kümmerte sich rührend um mich. Aber ich fühlte deren Hilflosigkeit und Verständnislosigkeit. Jeder war unsicher mir gegenüber, weil keiner verstehen konnte, was ich wirklich hatte. Okay, die Karin hat Angst. Angst haben wir alle mal. Aber dass diese Angst mich ohnmächtig, hilflos, handlungsunfähig und verzweifelt werden lässt, verstand keiner. Ich bin ein Mensch, der immer logische Erklärungen für etwas sucht. In der Schule gehörte ich in Mathe zu den Besten (ich war die Zweitbeste). Dieses Mal gab es aber keine logische Erklärung. Ich stand vor einem Rätsel und es dauerte einige Zeit, bis ich es hinnehmen konnte. Was anderes blieb mir nicht übrig – ich musste lernen, es hinzunehmen, einfach so. Eine harte Prüfung für mich: etwas ohne (logische) Erklärung einfach so hinnehmen.

Beruflich hatte ich u.a. mit psychisch beeinträchtigten Jugendlichen zu tun. Ich war zum damaligen Zeitpunkt Ausbilderin für jugendliche Schwerbehinderte und Rehabilitanden. Also ich hatte mit einigen psychisch erkrankten Menschen zu tun und ich war mir bewusst, dass es psychische Erkrankungen gibt. Dies war auch der Grund, warum ich mir ziemlich schnell eingestanden habe, dass mit mir psychisch etwas nicht stimmt, nachdem alle Untersuchungen ergeben haben, dass ich organisch vollkommen gesund bin. Das war wohl mein Glück, dass ich dahingehend relativ schnell in die richtige Richtung gehandelt habe.

Ich ging zu einem Psychiater, welcher mir Panikattacken diagnostizierte. Eine Psychotherapie war angesagt.

Nach den zwei Wochen Krankschreibung bin ich wieder arbeiten gegangen. Aber ich war nicht in der Lage zu meinem Arbeitsplatz zu fahren. Mein Mann hat mich morgens zur Arbeit gefahren und abends wieder von der Arbeit abgeholt.

Ich hätte mich weiter krankschreiben lassen können. Aber meine Scham überwiegte. Ich schämte mich so unendlich und furchtbar. Ich hatte mir meine Existenz abgesprochen. Ich hatte auch Angst mit anderen über meine Krankheit zu reden, weil ich dachte, was denken die dann über mich. Es war irgendwie schrecklich ausweglos. Die Situation fühlte sich so erniedrigend und entwürdigend für mich an. Der Arzt sagte ich sei vollkommen gesund, also bin ich das. Basta! Der Arzt muss Recht haben. Also bilde ich mir das alles nur ein. Ich muss arbeiten gehen! Und ich denke heute, das war ganz gut so. Nicht der Angst hingeben, dagegen ankämpfen, das ist der einzige Weg! Aber es war sehr schwer und verlangte unglaubliche Kraft von mir. Dass ich das alles überlebt habe, wundert mich heute noch. Es war einfach nur schrecklich. Manchmal wünschte ich mir, dass ich Tod umfalle, dann hätte das ganze Elend ein Ende gehabt. Ich habe mir zwischendurch auch ausgemalt, wie es wäre, mich selbst umzubringen. Aber davor hatte ich auch viel zu große Angst. Zum Glück!

Vor der Arbeit hatte ich keine Angst. Die Arbeit an sich hat mir gutgetan. Ich schaffte nur den Weg dorthin nicht. Zwischendurch habe ich mal versucht selbst zur Arbeit zu fahren. Ich habe es auch geschafft. Aber meine Angst hatte sich zwischenzeitlich ausgeweitet. Ich hatte nicht mehr nur an der roten Ampel Angst. Nein. Auch der morgendliche Stau auf der Rheinbrücke bescherte mir regelmäßig wunderbare Panikattacken vom Feinsten. Ich wusste, dass ich gesund war, also hatte ich „nur“ die Aufgabe, die Angst zu überstehen. Das war unglaublich schrecklich. Aber ich habe es geschafft. Nach einiger Zeit bin ich dann wieder selbst zur Arbeit gefahren – aber das war eine riesige Kraftanstrengung – ja, Kraftanstrengung. Die Attacke kam immer. Mal stark ausgeprägt und mal weniger stark ausgeprägt. Die Überwindung hat mich immense Willenskraft gekostet und danach war ich schrecklich erschöpft. Meine Kraft reichte gerade noch für einen Arbeitstag aus. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun. Ich war dann abends zu absolut nichts mehr in der Lage.

Interessant war für mich, dass ich die Attacken nur auf dem Hinweg zur Arbeit bekam – nie auf dem Rückweg, selbst wenn auf dem Rückweg Stau war oder mich eine rote Ampel gestoppt hat.

Ich habe immer darüber nachgedacht, was das für eine Bedeutung haben könnte. Eine naheliegende Erklärung wäre gewesen, dass die Arbeit einen Grund an meiner Erkrankung hat. Heute habe ich dazu eine andere Theorie. Das kommt später.

Okay. Irgendwann schaffte ich also den Weg zur Arbeit allein, zwar mit Panikattacken, aber ich habe mich bewegt. Das war zunächst einmal das Wichtigste.

Insgesamt kostete mich eine Arbeitswoche unsagbar viel Kraft und Energie. Ich war stets sehr müde. Die Panikattacken raubten meine letzten Reserven.

Das Resultat war, dass ich am Wochenende vollkommen erschöpft und zu nichts mehr in der Lage war. Ich musste mich ausruhen und die Angst vor der Angst hat mich regelrecht gelähmt.

Mein Ehemann arbeitete im Gastgewerbe und das war auch der Grund, warum ich am Wochenende immer allein war. Ich hatte einen Hund, mit dem ich Gassi gehen sollte. Man soll es nicht glauben, aber am Wochenende hatte ich sogar Angst, mit dem Hund allein Gassi zu gehen. Ich war noch nicht einmal mehr in der Lage mit dem Hund Gassi zu gehen. UNGLAUBLICH! WAS PASSIERT MIT MIR?! Ich konnte es nicht fassen. Die Angst vor der Angst hatte mich lahmgelegt – vollkommen. Ja, ich war gelähmt. Von meinen Gedanken und meinen Gefühlen! Nichts ging mehr. Dabei bin ich früher überall hingefahren und hingegangen – ohne Angst und mit großer Lust und Lebensfreude. Und jetzt diese totale Lähmung, diese Bewegungslosigkeit, dieses Gefängnis.

Mein Mann und ich wohnten in der Dachwohnung im Haus meiner Eltern. Jeden Sonntag, jedes Wochenende, fragten mich meine Eltern ob ich mit ihnen nach draußen möchte. Einerseits wäre ich gerne mit ihnen gegangen (mal was anderes sehen), andererseits war ich einfach nicht in der Lage dazu.

Wenn ich dann im Haus allein war (wenn meine Eltern weg waren und mein Mann sowieso), hatte ich mit Panikattacken – mit Todesangst – zu kämpfen.

Wir hatten einen wunderschönen Wintergarten. Ich legte mich in den Wintergarten, habe versucht die Sonne zu genießen und habe aber anstelle von Genuss, Panikattacken bekommen. Nicht zu fassen. Ja, auch das Alleinsein bereitete unendliche Schwierigkeiten. In Situationen, in denen absolut keine Gefahr bestand bekam ich Todesangst?! Ich hatte regelmäßig Angst einen Herzinfarkt zu bekommen und zu sterben. Meine Gedanken spielten andauernd verrückt und kreisten nur um die Angst. Und um die Angst vor der Angst. Wie bekomme ich die Angst los, wird die Angst irgendwann mal weg sein, werde ich irgendwann mal wieder normal sein usw.

Ich war auch nicht in der Lage mit meinen Eltern nach draußen zu gehen und außerdem hatte ich keine Lust von meinen Eltern bedauert zu werden und deren Hilflosigkeit zu erfahren. Meine Mutter hat da immer so einen sehr speziellen hilflosen und bemitleidenden Blick – den wollte ich mir nicht antun. Es war eine sehr verzweifelte Situation. Es schien alles ausweglos zu sein. Angst ohne Ende. Gefängnis ohne Ende. Mein Gott, was ist das für eine Krankheit? Gibt es einen Weg nach draußen? Verzweiflung pur! Totale Ohnmacht. Anders kann ich es auch heute nicht beschreiben.

Mein Weg in die Angst

Vor meiner ersten Panikattacke habe ich mich zusehends übernommen – in jeder Hinsicht. Ich war rücksichtslos mir selbst gegenüber: privat und beruflich.

Ich arbeitete als Reha-Ausbilderin bei einem Bildungsträger und ich war seit etwas über einem halben Jahr verheiratet.

Im Sommer 1997, als ich die erste Panikattacke bekommen habe, arbeitete ich bereits seit 5 Jahren als Reha-Ausbilderin bei diesem Bildungsträger. Die Situation im Betrieb war angespannt. Etwa ein Jahr zuvor hatte mein Kollege gekündigt. Der Kollege und ich haben direkt zusammengearbeitet und wir waren ein sehr gutes Team.

Als der Kollege weg war, hatte ich das Gefühl, dass ich die Arbeit für beide machen muss. Nichts, aber auch gar nichts mehr, lief wie früher. Den Anspruch, den ich an mich stellte, Arbeit für zwei erledigen, dem wurde ich logischerweise auf Dauer einfach nicht gerecht. Ich merkte, wie meine Reserven, wie meine Kraft immer mehr schwand. Aber ich habe nicht hingeschaut und immer weiter gemacht. Aber in Wirklichkeit war ich vollkommen erschöpft und richtig ausgepowert. Ich dachte immer, dass viel und gute Arbeit mich weiterbringen würde. So wurde ich auch erzogen. Also arbeitete ich weiter. Das habe ich immer so gemacht, auch während meines Studiums und bei meinen vorhergehenden Arbeitgebern. Arbeit, Arbeit, Arbeit, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich wollte immer die Erwartungen meiner Eltern, meiner Chefs, meiner Freunde usw. erfüllen.

Ich hätte gerne auch Anerkennung erfahren.

Aber die Anerkennung, die ich mir erhoffte, habe ich nie erhalten. Meine Chefs waren zufrieden mit mir und gaben mir noch mehr Arbeit, die ich erledigte. Ich war eine sehr bequeme Mitarbeiterin, die ohne Widerrede alles erledigte was ihr aufgetragen wurde. Super! Klasse! Sehr pflichtbewusst!?

Außerdem hatte ich einen befristeten Arbeitsvertrag. Vor jedem Befristungsablauf hatte ich Angst meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Man erfuhr vom Kostenträger kurzfristig ob die Maßnahme verlängert wurde oder nicht. In anderen Bereichen gab es bereits Kündigungen, weil die Maßnahmen nicht verlängert wurden. Dies setzte mich ebenfalls und zusätzlich unglaublich unter Druck, zumal ich in meiner Ehe die Alleinverdienerin war, mein Mann machte eine Ausbildung zum Restaurantfachmann.

Hinzu kam eine negative private Entwicklung, die mich sehr gestresst hat. Mein Ehemann war Ausländer. Schon vor der Ehe, prophezeite mir jeder „Das geht nicht gut“ oder so ähnlich, sogar meine besten Freunde. Bekannte meinten, dass Familien von Ausländern immer Geld möchten. Diese negative Prognose schwelte ständig über unserer Ehe wie ein Damoklesschwert. Ich hatte den Eindruck, dass jeder um mich herum nur darauf wartete, dass die Ehe nicht gut läuft. Dabei waren wir so glücklich!

Ich fühlte mich unglaublich unter Druck gesetzt – aus jeder Richtung.

Nun kam der Punkt, an dem die Familie meines Mannes tatsächlich Geld wollte. Der Bruder heiratete und für meine Begriffe, war das für den Bruder geforderte Geschenk zu teuer. Es sollte nahezu 1000 DM kosten. Ich versuchte meinem Mann zu erklären, dass wir uns das nicht leisten konnten. Aber das interessierte ihn nicht. In seiner Kultur wird das so gemacht. Er realisierte das Geschenk. Es war ihm egal, ob wir das Geld hatten oder nicht. Der Betrag fehlte uns daraufhin im Alltag. Später fehlte uns noch mehr im Alltag, weil es gerade so weiterging.

Es war wie eine sich selbst erfüllende Prognose.

Die berufliche Situation, die Prophezeiungen der Außenwelt über den Verlauf meiner Ehe und diese tatsächliche Situation, in der wir viel Geld für ein Geschenk zahlen sollten, stresste mich immens. Hinzu kam, dass mein Hund operiert wurde. Er hatte Hodenkrebs und bekam die Hoden entfernt. Er musste mehrere Wochen eine Halskrause tragen. Mein Vater hat jede Nacht auf ihn aufgepasst. Das Ganze nahm mich so sehr in Anspruch, dass ich dann eines Morgens die bereits geschilderte erste Panikattacke bekam.

Im Moment der ersten Panikattacke hatte ich das jämmerliche Bild meines Hundes vor Augen, wie er mit Schmerzen da liegt. Im Anschluss an den Gedanken ihm nicht helfen zu können, bekam ich die erste Panikattacke. Das war sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und mir die erste Panikattacke bescherte.

Ja, es kamen zu viele Belastungen auf einmal hinzu. Jahrelanges und rücksichtsloses Überfordern im Beruf und die negative private Situation, ständiger Streit mit meinem Mann. Die Prognosen der anderen, dass diese Ehe nicht gut gehen wird hat auch noch ihren Anteil dazu beigetragen. Die Falle schnappte zu und ich fühlte mich wie in einer Gummizelle gefangen. Egal in welche Richtung ich mich bewegte. Ich prallte ab. Schach matt.

Stellen Sie sich einen zu Unrecht Verurteilten vor, der in einer Zelle gefangen ist. Er fragt sich warum das alles, er versucht sich zu befreien. Doch es gibt keinen Ausweg. So fühlte ich mich. Ich hatte den Eindruck den Verstand zu verlieren. Ich war eine Gefangene meiner Angst. Aber schuldlos war ich ehrlich gesagt nicht. Schließlich habe ich Jahre lang nicht auf mich geachtet und nicht auf mich aufgepasst. Aber wie sollte ich auch auf mich aufpassen? Ich hatte bis dahin nicht gelernt auf mich aufzupassen. Leistung bringen war wichtig, Pflichten zu erfüllen war wichtig, Lächeln um jeden Preis war wichtig. Das habe ich gelernt und auch getan. Der Täter war ich.

Hilda, meine Angst, hat mir mein ursprüngliches Leben und meine Freiheit genommen. Und ich hatte Angst auch meinen Verstand zu verlieren. Ich fühlte mich so schrecklich allein gelassen und wusste keinen Ausweg.

Meine Erziehung

Ich wurde von sehr pflichtbewussten und leistungsorientierten Eltern erzogen. Meine Mutter stammt aus einer Unternehmerfamilie. Mein Vater aus einem Landwirtschaftsbetrieb.

Eigentlich bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür, wie sie mich erzogen haben. Generell klasse. Aber das Angst- und das Leistungselement hätten beide bitte für sich behalten können. Aber das ist wohl Familienkarma.

Das Angstelement in meiner Erziehung bestand immer darin, dass alles Unbekannte eventuell gefährlich sein kann. Wenn irgendetwas passierte, hat meine Mutter übertrieben ängstlich reagiert. Man hatte den Eindruck, es sei ein Weltuntergang. Man konnte an ihrer Reaktion überhaupt nicht erkennen, ob jetzt was wirklich Schlimmes oder weniger Schlimmes passiert ist. Sowohl bei Bagatellen als auch bei richtig schlimmen Ereignissen, war ihre Reaktion die gleiche. Dieses Verhalten habe ich in meinem Leben eine gewisse Zeit lang adaptiert.

Meine Mutter legte weiterhin immer sehr großen Wert auf das, was die Leute sagen, wenn man etwas Bestimmtes macht oder unterlässt. Daher habe ich auch eine ganze Zeit meines Lebens damit verbracht, es anderen immer nur recht zu machen, so dass bloß keiner blöd über mich redet.

Heute versuche ich es mir recht zu machen.

Anderen kann man es nie recht machen habe ich zwischenzeitlich gelernt. Diese Anderen meinen auch generell alles besser zu wissen und möchten kluge und weniger kluge Ratschläge geben, die in der Regel nichts nutzen. Also habe ich irgendwann beschlossen bei mir zu bleiben und nicht bei den anderen. Ich bin ich. Ja, wer war ich denn? Die Suche nach dem wer ich bin, dauert immer noch fort. Aber ich nähere mich mir selbst immer mehr. Das empfinde ich als sehr positiv und befreiend.

Dieses positive Element wird in der Umgebung nicht immer als positiv erlebt. Ich bin in den letzten Jahren sehr ehrlich und authentisch geworden. Ehrlich war ich eigentlich schon immer oder soll ich naiv sagen. Aber jetzt bin ich authentisch. Ich mache niemandem mehr etwas vor, mir auch nicht. Mit meiner Art müssen andere erst einmal klarkommen. Ich selbst muss das auch lernen. Meine Mutter ist über meine neue Art nicht sehr erfreut. Da sie meistens zu unbekannten Dingen eine negative Einstellung hat und nur Befürchtungen äußert und nichts Positives erwartet, höre ich mir ihre Kommentare nicht mehr an. Zwischenzeitlich fragt sie mich, ob ich hören möchte, was sie zu sagen hat. Ich antworte daraufhin mit einem schlichten „Nein“. Sie ist dann zwar beleidigt, aber damit muss sie leben. Auch sie sollte zwischenzeitlich erkennen, dass Angst nicht das Leben bestimmen sollte.

Meine Freundin Hilda, meine Angst, hat mich gelernt, so nah wie möglich bei mir zu bleiben. Nur dann macht es Sinn und nur dann bleibe ich angstfrei.

Als ich letztendlich angstfrei war musste ich lernen damit klar zu kommen, dass andere damit ein Problem haben, dass ich angstfrei bin. Aber wenn ich so in mich hinein fühle, dann ist mir das angstfreie Gefühl viel mehr wert als das, was die anderen so gerne hätten. Ich gebe nur etwas, wenn es mir dabei gut geht. Diese Überlegung ist zu einem Automatismus bei mir geworden. Zum Glück. Thank God!

Okay. Ich gelange immer wieder in neue und unbekannte Situationen. Aber dieser Automatismus hilft mir, mich zu schützen. Bis ich dahin gekommen bin, war es eine sehr lange Zeit.

Reaktionen

Die Rückmeldung, die ich von den Menschen um mich herum erfahren habe über meine Angsterkrankung war oft folgende: „Das sieht man dir gar nicht an, du bist doch immer so positiv“. „Du strahlst doch immer so“. „Du lachst doch immer“. „Du wirkst so kraftvoll“. Die Mutter einer Freundin sagte immer zu mir „Die Sonne kommt“.

Das hat mich ehrlich gesagt noch mehr runtergezogen. Muss man mir das ansehen, dass es mir nicht gut geht? Muss ich öffentlich leiden und jammern, damit man mir glaubt, dass es mir schlecht geht? So ein totaler Scheiß. Aber es führte zunächst dazu, dass ich mich noch mehr über meine Angst schämte und mich in ein regelrechtes Mauseloch zurückzog.

Aber diese Rückmeldung spiegelte mir auch, dass ich über Jahre hinweg gelernt habe Situationen, die mich belasten, zu überspielen. Manchmal war ich dann auch wütend über mich selbst. Ich sagte zu mir „Karin, du fühlst dich total scheiße. Wieso strahlst und grinst du dann die Menschen an“. Wieso bist du nicht in der Lage hinzusehen? Wieso schaust du immer weg? Ich fühlte, dass ich nach außen hin strahlte und lachte. Dieses Strahlen und Lachen, war dann in meiner Vorstellung wie eine verzerrte Maske und hat mir sogar wehgetan, weil der äußere Eindruck, den ich vermittelt habe, nicht mit meinem Inneren in Einklang war.

Ich habe also jahrelang mir und den anderen etwas vorgemacht und wollte nicht hinsehen. Ich habe jahrelang nicht auf mich und mein Befinden geachtet.

Die Psychotherapie

Ja, die Psychotherapie. Diese hat sich auch im Jahr 1997 als nicht ganz einfach angetan. Ich musste zunächst zu einem Psychiater und diesem meine Probleme erklären. Dieser stellte dann fest, dass ich unter einer generalisierten Angststörung leide und Psychotherapie hilfreich sein könnte.

Die Suche nach einem entsprechenden Psychologen war bereits 1997 nicht einfach. Zunächst wollte ich zu einem befreundeten Psychologen, dem ich vertraute.

Dieser hatte leider keine Kassenzulassung. Also habe ich mich, nach ein paar Probesitzungen, von diesem Psychologen verabschiedet, weil die Krankenkasse die Kosten der Psychotherapie nicht übernehmen wollte. Heute weiß ich, dass wenn ich darauf bestanden hätte und vor Gericht gegangen wäre, ich gewonnen hätte und ich hätte die Psychotherapie bei diesem Psychologen weiterführen können. Aber die Angst vor der Angst hat mich handlungsunfähig gemacht. Ich hatte keine Kraft zu kämpfen.

Man stelle sich vor: Jahrelang geht man arbeiten, zahlt in ein System ein, wenn man wirklich krank ist, bekommt man Prügel zwischen die Beine geworfen. Nicht nur, dass man mit der Krankheit zu kämpfen hat, nein, man muss sich mit Versicherungen herumschlagen. Statt dass die Krankenkasse aktiv hilft, dass man wieder gesund wird, muss man sich, wenn man psychisch erkrankt ist, rechtfertigen (sie nennt sich ja auch „Krankenkasse“ und nicht „Gesundheitskasse“). Das ist mehr als nur kontraproduktiv, nicht gesundheitsfördernd und irgendwie ein sehr krankes System. Es müsste der Krankenkasse eigentlich bewusst sein, dass ein Mensch, der unter Angststörungen leidet, sich nicht wirklich wehren bzw. rechtfertigen kann. Vielleicht hat das ja auch System und ist genau so gewollt. Der anfängliche Streit mit der Krankenkasse hatte mich zusätzlich gestresst.

Aber schließlich hatte ich dann doch Glück. Im Nachbarort, war ein niedergelassener Allgemeinmediziner mit psychotherapeutischer Ausbildung und dieser war bei der Krankenkasse zugelassen. Ich schilderte kurz am Telefon mein Problem und habe sehr schnell einen Termin bekommen. Das war keine Selbstverständlichkeit. Auch damals schon hatten die Psychologen sehr lange Wartezeiten. Ich musste zum Glück nicht warten. Wie ein Wunder. Im Nachhinein kann ich sagen, dass das wirklich gut war.

Von meiner Grundstruktur her, bin ich ein Mensch, der gerne auf Medikamente verzichtet. Aber mein Psychotherapeut hat mich davon überzeugt, dass es wichtig ist, Psychopharmaka einzunehmen. Er hat mir Insidon verschrieben. Dadurch, dass mein Psychologe gleichzeitig Allgemeinmediziner war, war es möglich, dass er mir Rezepte ausstellte. Wäre er das nicht gewesen, hätte ich noch einen Gang zum Hausarzt machen müssen. So ist mir einiges erspart geblieben.

Mein Psychologe begründete die Notwendigkeit des Medikaments damit, dass ich mit Hilfe dieses Medikaments einen beinahe „Normalzustand“ erreichen würde und behandelbar wäre.

Okay. Nach einigem Zögern habe ich dieses Medikament eingenommen und konnte feststellen, dass ich dank dessen, mal wieder einigermaßen klar denken konnte. Ein Normalzustand wurde damit nicht hergestellt, aber insgesamt ging es mir tatsächlich etwas besser. Ich war behandlungsfähig. Das Medikament hat bei mir in bedeutenden Situationen, in denen ich Angst bekommen hätte, die Angst reduziert bzw. ich konnte besser mit der Angst umgehen.

Die Krankenkasse genehmigte zunächst 25 Sitzungen beim Psychologen. Als diese aufgebraucht waren, 25 weitere. Diese 50 Sitzungen habe ich im Laufe von 3 Jahren aufgebraucht – von 1997 bis 2000.

Ich hatte mich für eine Gesprächstherapie entschieden. Eine Verhaltenstherapie konnte ich mir für mich nicht vorstellen.

Mal bin ich gerne zum Therapeuten und mal nicht – das war stimmungsabhängig. Ein paar wenige Termine habe ich zwischendurch auch mal abgesagt (das waren insgesamt vielleicht 5 Termine). Aber insgesamt hat das Gespräch immer gutgetan. In der Gesprächsstunde hatte meine Angst Raum. Ich konnte genau hinsehen und über meine Angst reden. Der Psychologe sagte auch zu mir „Sie sind in guter Gesellschaft“, womit er meinte, dass viele Menschen diese Krankheit haben. Das konnte ich mir damals noch überhaupt nicht vorstellen, weil ich niemanden kannte, der die gleiche Krankheit hatte, wie ich.

Die Angst war ab der ersten Attacke meine ständige Begleiterin. Zwischendurch hatte ich das Gefühl komplett einzubrechen und nicht mehr weiter machen zu können. Ich war richtig depressiv. Der Wunsch zu sterben, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, war mehr als nur einmal vorhanden. Und ich wusste genau, dass niemand außen herum im alltäglichen Leben das verstehen kann. So war es ganz gut im Rahmen der Gesprächstherapie über die Angst reden zu können. Gelegentlich hat der Therapeut nur zugehört, manchmal hat er mir bis zum nächsten Mal eine Aufgabe gegeben und manchmal auch sehr kritische Fragen gestellt und nicht jedes Mal wollte ich hinsehen und die kritischen Fragen beantworten. Ich wusste nicht immer eine Antwort auf seine Fragen. Aber das war auch nicht unbedingt notwendig. Diese Fragen haben mich dann nach der Therapiestunde begleitet und ich habe über eine Antwort nachgedacht. Manchmal habe ich eine Antwort gefunden und manchmal nicht, manchmal einige Zeit später. Auf jeden Fall haben mich diese Fragen von meiner Angst abgelenkt und auch besser über die Angst nachdenken lassen. Die Fragen haben dazu beigetragen, dass ich meine Angst strukturieren konnte. Im Laufe der Zeit habe ich angefangen die Angst zu personifizieren und ich habe ihr den Namen meiner verstorbenen Oma gegeben, die Angst hieß Hilda. Mit der Zeit begann ich mit meiner Angst zu reden. Wenn sie wieder sehr stark anwesend war, fragte ich sie: „was willst du Hilda?“ Oder „Kannst du mich nicht in Ruhe lassen.“ Auf letztere Frage erhielt ich die Antwort „Nein“. Nein Hilda wollte mich nicht in Ruhe lassen. Sie hat mich permanent gezwungen mich mit ihr auseinanderzusetzen. Das Reden mit Hilda, meiner Angst, war aber ganz gut. Wenn ich mal wieder an einer roten Ampel stand und die Attacke drohte, sagte ich dann „Hilda, dich kann ich jetzt gar nicht gebrauchen, wir verschieben das Gespräch auf später“. Irgendwann hat das dann wirklich mal funktioniert.

Wichtig war für mich, dass der Psychotherapeut mir eindeutig und mit Begründung zu den Medikamenten geraten hat. Wenn man sich im Akutzustand befindet, dann ist man einfach nicht therapierbar. Die Medikamente verhelfen zumindest ansatzweise zu einem „Normaldasein“, in welchem man therapierbar und ansprechbar wird. Man sollte nicht unbedingt den Beipackzettel durchlesen. Ich habe es getan und schon beinahe vom Durchlesen eine Attacke bekommen. Dies war auch der Grund, warum ich dieses Medikament zunächst nicht einnehmen wollte. Bin aber froh, dass ich es doch gemacht habe. Ich habe es ein Jahr lang benötigt.

Orte der Panik

Anfangs war es nur die rote Ampel am Ärztehaus in Karlsruhe, an der ich Panik bekam. Doch die Angst vor der Angst sorgte dafür, dass sie sich ausweitete. An immer mehr Orten hatte ich Angst.

Orte, an denen ich regelmäßig Panikattacken bekommen habe, waren folgende:

  • Auf der Rheinbrücke im Stau.
  • Wenn ich größere Brücken überqueren musste.
  • An roten Ampeln, wenn dahinter eine unübersichtliche und komplizierte Kreuzung war.
  • Im Supermarkt, wenn die Warteschlange an der Kasse zu groß war.
  • Beim Überholen von LKWs auf der Autobahn.
  • An Autobahnbaustellen.
  • In Tunneln.
  • Allein zu Hause.
  • Beim Gassi gehen mit dem Hund.
  • Im Zug.
  • In Menschenmengen.
  • Im Flugzeug.
  • Im Bus.
  • In der Straßenbahn.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt alle Orte vollständig aufgezählt habe. Aber die Angst vor der Angst, dass ich an diesen Orten Panik bekomme, hat mich nur noch lahmgelegt.

Die Angst zingelte mich ein und nahm mir meine Freiheit und meine Lebensfreude.

Mein Weg aus der Angst heraus

Der Weg aus der Angst heraus war ein langer Weg.

Der Weg führte unter anderem über eine Beziehung mit einem Mann der Charakterzüge aufwies, wie sie in Büchern über Narzissten beschrieben werden. Aber das sollte wohl so sein. Es war wohl eine besondere Aufgabe für mich. Auf jeden Fall eine gute Selbst-Reflexion. Ich habe in dieser Beziehung unbewusst die Rolle einen Menschen eingenommen, der in Büchern über Narzissten als Co-Narzisst bezeichnet wird. Zumindest habe ich mich in der Beschreibung eines Co-Narzissten wiedergefunden als ich ein entsprechendes Buch darüber gelesen habe. Hört sich schlimm an.

Ich bin glücklich Heute. Manchmal auch unglücklich. Dennoch würde ich sagen, alles ist im akzeptablen Bereich.

Aber alles der Reihe nach.

Zum Zeitpunkt meiner ersten Panikattacke im Jahr 1997 war ich als Ausbilderin bei einem Bildungsträger angestellt und ein dreiviertel Jahr verheiratet. Die akute Phase meiner Panikattacken hat in etwa ein Jahr angedauert. In dieser Zeit war ich außerhalb der Arbeit, kaum bewegungsfähig und mein Aktionsradius war extrem gering, tendenziell Null.

Treffen mit Freunden habe ich immer kurz vorher abgesagt, weil ich den Weg zum Treffpunkt nicht geschafft hätte. Die Angst vor der Angst hat mich wirklich daran gehindert, die Treffen einzuhalten. Es kam so weit, dass ich keine Verabredungen mehr vereinbart habe. Ich habe meine Freunde nicht mehr angerufen, weil ich wusste, dass diese mich fragen würden, ob wir uns mal wieder treffen. Ich wusste auch, dass ich diese Frage mit „Nein“ beantworten musste. Und ich wollte nicht „Nein“ sagen. Ich wollte auch nicht, dass die Freunde mich besuchen. Weil ich befürchtete nur Mitleid zu empfangen. Mitleid wollte ich absolut nicht.

Es war ein unsagbarer Kreislauf, der mich letztendlich völlig isolierte.

Weder meine Eltern noch mein Ehemann sind mit dieser Situation zurechtgekommen. Wie sollten sie auch. Ich habe mich ja selbst nicht mehr verstanden.

Ich bin kaum noch Auto gefahren und das obwohl ich vorher eine leidenschaftliche Autofahrerin war und sehr gerne gereist bin. Ich hatte solche Angst während des Autofahrens eine Panikattacke zu bekommen, dass ich, außer zur Arbeit, nicht mehr Auto gefahren bin. Sogar Gassi gehen mit meinem Hund bereitete unglaubliche Schwierigkeiten. Immer diese Angst plötzlich Tod umzufallen, allein zu sein, Angst zu sterben. Schrecklich.

Selbstüberlistung

Eines Tages hatten wir im Betrieb, in dem ich als Ausbilderin tätig war, eine Präsentation der Anonymen Alkoholiker. An diesem Tag habe ich etwas Wichtiges gelernt: Ein Trinker soll sich nicht vornehmen von heute auf Morgen komplett aufzuhören zu trinken. Eine gute Vorgehensweise wäre: Heute trinke ich nichts oder besser noch: heute Vormittag trinke ich nichts. Wenn es heute Vormittag funktioniert, dann klappt es auch am Nachmittag usw… Also vorwärts gehen in kleinen Schritten. Erreichbare Ziele setzen, das war das Motto. Das hörte sich für mich gut an und ich beschloss, diese Vorgehensweise analog für mich anzuwenden: erreichbare Ziele setzen. Gut ich war kein Alkoholiker, ich bin Panikattackepatientin. Aber ich habe angefangen mich in kleinen Schritten vorwärts zu bewegen und mit dem Gassi gehen fing es an. Ziel war, mir ein erreichbares Ziel zu setzen und mich mit positiver Energie „aufzuladen“, wenn ich das Ziel erreicht habe. Ich versuchte Stolz auf das erreichte Ziel zu sein.

Ich sagte zu mir „So Karin, Du gehst jetzt mit dem Hund nach draußen. Bewege dich Schritt für Schritt und überlege bei jedem Schritt ob du wieder umkehren möchtest. Du kannst jeden Moment umkehren, wenn dir danach ist.“ So habe ich das auch gemacht. Ich bin mit dem Hund nach draußen. Bin sehr langsam gelaufen und habe auf mich geachtet. Möchte ich zurück oder ist die frische Luft draußen und die Bewegung besser als allein im Haus zu versauern? Schritt für Schritt bewegte ich mich vorwärts. Als ich das Haus hinter mir gelassen habe wurde ich schon etwas unsicherer. Aber ich lief weiter, immer im Bewusstsein jeden Moment umkehren zu können. Mit jedem weiteren Tag Gassi gehen wurde der Spaziergang länger und mein Aktionsradius hat sich langsam aber sicher erweitert. Aber es hat sehr lange gedauert. Heute kann ich nicht mehr sagen wie lange. Wichtig ist nur, dass ich es geschafft habe. Die Zeit spielt keine Rolle.

Das war ein richtiger Fortschritt für mich wieder mit dem Hund Gassi gehen zu können. Zuhause angekommen, war ich zwar erschöpft, aber auch sehr froh, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Gassi gehen strengte an und verlangte sehr hohe Konzentration von mir.

Tja, normalerweise strengt Gassi gehen überhaupt nicht an und ist etwas sehr Schönes: man bewegt sich, tankt frische Luft und tut etwas für die Gesundheit und die Seele. Ich kann mir vorstellen, dass diese Angst vor dem Gassi gehen, sich für jemanden, der Panikattacken nicht kennt, ziemlich verrückt anhört. Bei mir war das so, dass ich ständig im Gespräch war mit mir selbst. Ich habe auf alles geachtet: meinen Puls, meinen Herzschlag, mein Befinden. All dies aus der Angst heraus eine Panikattacke zu bekommen. Also: bei jedem Schritt, den ich tat hörte ich in mich hinein, ob mit mir alles okay ist. Kommt die Attacke oder kommt sie nicht? Wenn ja, kann ich sie abwenden und mit ihr umgehen? Daher die hohe Konzentration. Es ist wirklich Schwerstarbeit, die ich geleistet habe. Ich verstehe, wenn jemand das nicht verstehen kann. Aber es ist so. Die Psyche macht einem komplett einen gehörigen Strich durch die Rechnung und der Körper und die Psyche sind dann erschöpft. Unsagbar erschöpft!

Menschen, die noch nie eine Panikattacke hatten, können sich das Gassi gehen mit Panikattacken in etwa wie folgt vorstellen: Stellen Sie sich vor, Sie gehen in langsamen und bedächtigen Schritten vorwärts, aber Sie sind angebunden an ein elastisches Seil. Je weiter Sie sich vom Ursprung entfernen, umso stärker die Spannung und die Kraft, die Sie aufwenden müssen, um vorwärts zu kommen. Mit diesem Seil konnte ich jetzt die Kraft beschreiben, die Sie zurückhält. Aber nicht die Angst, die dabei mitmischt. Stellen Sie sich nun diese Kraft des Seils vor, das sie zurückhält, kombiniert mit einer Todesangst. Irgendwie schwindelerregend.

Ausweichmanöver

Ähnlich wie mit dem Gassi gehen habe ich es mit dem Weg zur Arbeit gemacht: Ziel war, ans Ziel zu kommen, an meinen Arbeitsplatz – egal wie. Meine Angst war ja dahingehend, dass ich befürchtete während des Autofahrens eine Attacke zu bekommen und nicht mehr weiterfahren kann. Also war ich nie auf der linken Autobahnspur. Auf die Überholspur traute ich mich nicht. Ich bin immer auf der rechten Autobahnspur geblieben, am Standstreifen entlang und habe mir gesagt, wenn ich Panik bekomme und nicht mehr weiterfahren kann, dann fahre ich auf den Standstreifen und halte an. Die Anwesenheit des Standstreifens hat mich sehr beruhigt.

Als nächsten Schritt beschaffte ich mir ein Handy. Dieses hat mich auch beruhigt. Im Fall der Fälle, könnte ich damit Hilfe holen (na ja, sind wir mal ehrlich: wäre ich wirklich in Ohnmacht gefallen, dann hätte ich nicht mehr telefonieren können). Wichtig ist, dass es mir geholfen hat auf meinem Weg zur Arbeit.

Den Weg allein in Supermärkte habe ich mir erst einmal erspart. Am Wochenende bin ich immer zusammen mit meiner Mutter einkaufen gegangen. Das haben wir seit Jahren so gemacht und da bestand zunächst kein Änderungsbedarf / Handlungsbedarf. Das hätte mich auch überfordert, wenn ich das hätte allein machen müssen. Den Weg zur Arbeit zu bewältigen, war zunächst die wichtigste Aufgabe. Schließlich war der Weg zur Arbeit existenzsichernd.

Ja, man stelle sich vor: auch im Supermarkt hatte ich Probleme. Die meisten Probleme hatte ich an der Kasse, wenn ich lange warten musste. Da war die Gefahr sehr groß eine Panikattacke zu bekommen. Wenn ich doch mal allein in einen Supermarkt musste, dann habe ich mir den Supermarkt von außen erst einmal angesehen. Wenn er mir nicht gefallen hat, bin ich weitergefahren. Ich kann aber nicht sagen, wann mir ein Supermarkt gefallen hat und wann nicht. Ich habe einfach mein Gefühl entscheiden lassen, also welchen Eindruck der Supermarkt auf mich macht. Wenn der Eindruck nicht gut war, habe ich ihn nicht betreten. Manchmal war ich auch schon im Supermarkt drinnen und habe in unmittelbar nach dem Betreten wieder verlassen oder wenn die Schlange an der Kasse zu lange war, habe ich den Wagen stehen lassen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe.

Veränderung

Nach einem Jahr nach der ersten Panikattacke habe ich etwas klarer gesehen und war etwas beweglicher. Ich wollte mich beruflich verändern, aber ich wusste noch nicht in welche Richtung. Auf jeden Fall war ich der Überzeugung, dass eine berufliche Veränderung eine gute Idee sei, da es zwischenzeitlich eine Kündigungswelle im Betrieb gab. Ich konnte mich auch wieder etwas freier bewegen. Gelegentlich und wenn es mir wirklich gut ging, konnte ich mich sogar wieder mit Freunden treffen – mit denen, die noch übriggeblieben waren. Auto fahren hatte ich weitgehend im Griff. Weitgehend bedeutet, dass ich immer irgendwelche Selbstüberlistungstechniken oder Umfahrungstechniken hatte. Manchmal habe ich einfach einen weiteren Weg, also einen Umweg, gewählt, wenn mir die Straße nicht zugesagt hat. Oder ich habe einen Tunnel umfahren. Im Laufe der Zeit wird man sehr erfindungsreich und kreativ. Wichtig ist, es funktioniert – ich bin ans Ziel gekommen. Aber meistens war der gewählte Weg länger und nahm auch mehr Zeit in Anspruch. Der gewählte Weg hat mir dann nur besser gefallen, weil ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Attacke bekomme, geringer eingeschätzt habe – und ich habe dann auch keine Panikattacke bekommen.

Strecken, die ich nicht kannte, bin ich nach Möglichkeit nicht gefahren. Schließlich wusste ich ja nicht, ob es auf einer unbekannten Strecke einen Tunnel oder ein riesen Brücke gibt. Wenn ich keine Wahl hatte und doch unbekannte Strecken fahren musste, bin ich die Strecke vorher mit meinem Mann abgefahren und habe die Strecke nach möglichen Auslösern für Panikattacken untersucht und mir ein Ausweichmanöver zurechtgelegt. Das funktionierte nicht immer. Wenn ich dann doch mal eine Strecke fahren musste, die ich nicht kannte und die ich nicht vorher abfahren konnte, habe ich mein Medikament Insidon eingenommen (obwohl ich es zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr regelmäßig einnahm) und habe mir eine weitere Tablette sozusagen als Notfalltablette griffbereit gelegt. Das wirkte ungemein beruhigend.

Ich denke, dass sehr gut deutlich wird, dass sich meine Gedanken immer nur um die Angst bewegt haben. Der Gedanke an die Angst nahm eine sehr zentrale Rolle in meinem Leben ein. Alle Situationen und Ereignisse wurden von mir auf die Gefahr hin untersucht, ob ich möglicherweise eine Panikattacke bekommen könnte. Ich war wie eine Sklavin der Angst.

Aber es wird auch deutlich, dass die Überwindung der Angst vor der Angst einem sehr kreativ werden lässt und man lernt auch sprichwörtlich neue Wege kennen – real und im übertragenen Sinne.

Schließlich musste ich im Jahr 1999 für einen Tag geschäftlich nach Berlin fliegen (meine Güte, das war die Herausforderung des Jahres 1999 für mich). Im Flieger dorthin habe ich meine neue Arbeitgeberin kennengelernt. Das war ein Erlebnis! Ich saß im Flieger neben einer Unternehmerin, mit der bin ich ins Gespräch gekommen und die hat mich dann als neue Mitarbeiterin angeheuert. Fand ich irgendwie spannend.

Im Februar 2000 habe ich bei ihr als Geschäftsleitungsassistentin begonnen. Das war 120 km von meinem Wohnort entfernt. Der Weg dorthin war auch eine Tortur und einmal musste ich meinen Mann anrufen, weil ich den Weg nicht geschafft habe. Ich habe mich auf einen Parkplatz gestellt. Er ist gefahren gekommen und ist vor mir hergefahren, bis ich am Arbeitsplatz war. Danach ist er 120 km nach Hause gefahren und das obwohl er bis 5 Uhr morgens gearbeitet hatte. Unter der Woche hat mir die neue Chefin eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Ich musste nur 5 km zum Arbeitsplatz fahren. Die Angst war immer noch da, aber ich konnte zwischenzeitlich immer besser mit ihr umgehen. Ich habe angefangen, jeden Morgen vor der Arbeit einen Morgenspaziergang zu machen. Das hat gutgetan und mich entspannt.

Nach sehr kurzer Zeit realisierte ich, dass der neue Arbeitsplatz nichts für mich ist. Die Chefin war cholerisch und unberechenbar und sie behandelte ihre Mitarbeiter wie Sklaven. Die Chefin wurde von ihren Mitarbeitern so gehasst, dass der langjährigste Mitarbeiter, der ihr manchmal eine Pizza bestellen sollte, auf die Pizza spuckte (ja, Sie lesen richtig) bevor er ihr die Pizza gebracht hat.

Schon nach der ersten Woche habe ich angefangen mich zu bewerben und fand vier Wochen später, nachdem ich den Job als Geschäftsleitungsassistentin angefangen hatte, einen Job als Personaldisponentin in einer Zeitarbeitsfirma. Die Niederlassung war in Mannheim. Ich habe eine intensive Einarbeitung erhalten, die mir klar machte, dass ich auch diesen Job nicht lange ausführen werde. Mir gefiel die Arbeit nicht. Es war für mich wie moderner Sklavenhandel. Ende 2000 fand ich dann endlich einen Arbeitgeber, bei dem ich als Marketing- und Pressereferentin (mein eigentlicher Beruf) eingestellt wurde. Die Firma stellte Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen her. Schon vom ersten Arbeitstag an hat es mir dort gefallen und die Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht. Die Psychotherapie war zwischenzeitlich beendet.

Ich konnte mit der Angst leben. Hatte immer noch Panikattacken, aber sehr wenig und nicht mehr stark ausgeprägt. Nur an schlechten Tagen wurde ich manchmal etwas zittrig, das ging dann aber schnell vorbei. Insgesamt war ich viel sicherer und ich hatte die Attacken sozusagen im Griff.

Die Panikattacken „im Griff“ haben bedeutete folgendes:

Ich konnte wieder Auto fahren, aber mit Einschränkungen: Es war mir nicht möglich auf der Autobahn zu überholen. Egal welches Auto vor mir war. Egal wie langsam das Auto vor mir gerade war. Ich fuhr hinterher und überholte nicht. Es war mir immer noch nicht möglich durch Tunnel zu fahren. Die Tunnel, die bei mir in der Nähe waren, konnte ich umfahren. Wenn es auf der Autobahn keinen rechten Standstreifen gab, war ich extrem gestresst, aber ich bekam keine Attacke. Ich musste mich aber sehr konzentrieren, mit Hilda diskutieren, damit ich keine Attacke bekam. Treffen mit Freunden waren immer noch sehr selten und wenn ich ein Treffen vereinbart hatte, habe ich es oft im letzten Moment noch abgesagt. Im Supermarkt allein einkaufen, funktionierte auch noch nicht richtig. Aber ich bin irgendwie vorwärtsgekommen. Das war das Wichtigste.

Als ich schließlich die neue Stelle angetreten habe, wurden die Attacken immer weniger, ich wurde immer sicherer und beweglicher, die neue Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht und gab mir Sicherheit.

Ich hatte viele blinde und sehbehinderte Kollegen und selbstverständlich blinde und sehbehinderte Kunden. Ich hatte sehr großen Respekt vor den Blinden und Sehbehinderten. Gleich zu Beginn nahm mich ein sehr lieber blinder Kollege auf die Seite und erklärte mir, dass er sieht und nicht fühlt und wie ich mit blinden Menschen umzugehen habe. Dafür war ich sehr dankbar. Ich war in einer neuen Welt angekommen. Die Kollegen waren alle auch sehr anders, als bei meinen bisherigen Arbeitgebern. Sie gaben mir alle zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, mich so anzunehmen wie ich bin. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich sagen, was ich denke und niemand hat es mir krummgenommen. Wir haben dann darüber diskutiert. Das war ein tolles Erlebnis.

Die Arbeit machte schrecklich viel Spaß. Meine Aufgabe war es mich um die Webseite, die Prospekte und die digitalen Informationsmedien zu kümmern. Im Jahr 1996 habe ich mir selbst das Erstellen von Webseiten beigebracht, daher konnte ich die Aufgaben, dieser neuen Stelle ausführen. Mein Gott hat das Spaß gemacht. Ich war wieder die Alte. Voller Elan und Tatendrang.
Hipp Hipp Hurrah.

Nach etwa 6 Wochen, nachdem ich bei dieser neuen Firma angefangen hatte, erfuhr ich, dass mit dieser Firma etwas nicht stimmt. Kurzarbeit war angesagt. Das Gehalt war kürzer, aber die Arbeitszeit war die Gleiche und sogar mehr als 100%. Ich war aber so dankbar, eine tolle Aufgabe und wundervolle Kollegen gefunden zu haben, dass mich das nicht weiter störte. Manchmal musste ich drei Monate auf mein Gehalt warten. Der Chef war auch klasse. Es passte also alles – mit Ausnahme der unpünktlichen Gehaltszahlung.

Im Jahr 2001 habe ich für diese Firma an einem sozialen Wettbewerb teilgenommen. Ich habe für ein neues Projekt ein Marketingkonzept geschrieben und wir zählten unter mehr als 2000 Einsendungen zu den fünf Besten und wir haben den Hauptreis gewonnen. Schließlich wurde mein Konzept am 18. Dezember 2001 im Bundeskanzleramt in Berlin ausgezeichnet.

Okay. So war es wirklich. Wenn ich mir jetzt selbst durchlese, was ich da schreibe, dann denke ich, wie blöd warst du eigentlich. Aber es war für mich okay zum damaligen Zeitpunkt und ich war so dankbar eine tolle Aufgabe und super Kollegen gefunden zu haben und keine Panikattacken mehr zu haben.

Mein Mann und ich hatten uns auseinandergelebt. Zwischenzeitlich hatte er seine Ausbildung beendet und verdiente ein richtiges Gehalt. Sein ganzes Geld hat er entweder für seine Familie oder seine Kunst aufgewendet. Er hat auch gemalt, das hatte ich bis jetzt noch gar nicht erwähnt. Er malte in Öl und das Material war sehr kostenintensiv. Wir haben uns so gut wie nicht sehen. Monatelang musste er an den Wochenenden arbeiten. Er kam nach Hause, wenn ich aufgestanden bin und mich zur Arbeit fertig gemacht habe, wenn ich nach Hause gekommen bin, ging er zur Arbeit.

Im Jahr 2003 hat es zwischen uns bereits gekriselt. In diesem Jahr sind wir im Sommer für ein paar Tage ans Meer gefahren. Es waren wundervolle Tage. Wir haben uns wunderbar verstanden und waren wie ein frisch verliebtes Paar. Als wir dann wieder zuhause angekommen sind, war es wieder wie vorher. Wir haben uns nur gestritten. Immer ging es um seine Familie und das Geld.

2004 haben wir uns dann getrennt. Wir hatten uns geliebt, konnten aber nicht zusammenleben. Nach der Trennung war ich dann merkwürdigerweise vollkommen angstfrei und ich freute mich über meine neue Freiheit.

Noch im gleichen Jahr lernte ich einen anderen Mann kennen. Wir haben uns verliebt und sind sehr schnell – zu schnell, zusammengezogen. Er war Beamter. Ich bin in sein Haus gezogen. Er war 7 Jahre älter als ich. Zwei Jahre später haben wir geheiratet. Ich war dann also zum zweiten Mal verheiratet. Ich dachte, dass ich jetzt zur Ruhe kommen würde. Doch dem war nicht so. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Während der ganzen Ehe wollte er keinen sexuellen Verkehr mit mir. Wenn ich ihn darauf angesprochen habe, wollte er nicht reden. Ich dachte, mit mir stimmt dahingehend was nicht. Aber ich wusste nicht was. Er wollte nicht reden.

Hinzu kam, dass er sich mit der Finanzierung des Hauses übernommen hatte. Mehr als die Hälfte seines Gehalts ging für den Kredit des Hauses drauf. Der Rest des Gehaltes reichte noch nicht einmal zur Deckung der Nebenkosten. So waren wir zum Leben auf mein Gehalt angewiesen. Er hat nicht gespart. Wenn er etwas gesehen hatte, das er wollte, hat er sich das gekauft. Große Reparaturen am Haus musste ich tragen und das obwohl kein einziger Teil des Hauses auf meinen Namen geschrieben war. Es war wie in einer Spirale, die sich stets nach unten drehte. Schließlich ergab sich eine Situation, in der ich nicht mehr wusste, wie ich das Benzin bezahlen sollte, damit ich zur Arbeit komme. Ich musste meine Kaffeemaschine verkaufen. Der Erlös für die gebrauchte Kaffeemaschine hat uns dann etwas mehr als eine Woche über Wasser gehalten. Außerdem haben wir einen Kredit bei einem Kredithai aufgenommen. So etwas soll man zwar nicht tun, aber es hat erst einmal geholfen. In diesem Jahr habe ich ein Nebengewerbe gegründet und die Bankkonten getrennt. Nur so hatte ich einen gewissen Überblick über die Ausgaben. Zum Glück konnte ich mit meinem Nebenerwerb, Webdesign, etwas Geld hinzuverdienen, so dass wir nach ein paar Monaten (noch im gleichen Jahr), den Kredit bei dem Kredithai abbezahlen konnten. War echt hart. Mein Mann hat bei einer Versicherung einen Beamtenkredit aufgenommen und dann war erst Mal wieder eine Normalsituation hergestellt, mit der man einigermaßen normal leben konnte. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten meiner Firma (immer wieder Kurzarbeit und kein pünktliches Gehalt), habe ich mir im Jahr 2007 eine neue Stelle gesucht und habe bei einem Bildungsträger angefangen als Arbeitstherapeutin für psychisch erkrankte Erwachsene zu arbeiten. Gesucht war eine Berufliche Trainerin. Aber letztendlich habe ich als Arbeitstherapeutin gearbeitet, weil der Betrieb einige Zeit vorher, das Konzept geändert hatte.

Das Ganze nochmal von vorne

Im Jahr 2008 kamen die Panikattacken zurück. Wieder hat es beruflich und privat nicht gestimmt. Als Arbeitstherapeutin war ich überfordert. Ich hatte BWL studiert. Die Arbeit mit den psychisch erkrankten Menschen hat mir zwar Spaß gemacht, aber die Erkrankungen waren nicht ohne, ich konnte mich nicht ausreichend abgrenzen und meine Erkrankung kam zurück. So was aber auch.

Insgesamt war ich mit der Arbeit überfordert. Hinzu kamen die extrem angespannte finanzielle Situation mit meinem Mann und wieder ein extrem weiter Anfahrtsweg zur Arbeit. Und siehe da: Panikattacke ahoi. Wie ein déja vu. Wie nahezu 10 Jahre zuvor, war ich wieder in der gleichen Situation. Allerdings war ich nicht mehr schockiert, da ich das alles ja kannte. Aber die Intensität der Angst war wieder die alte. Also: den gleichen Fehler zwei Mal gemacht. Ich habe es wieder einmal nicht kommen sehen. Aber im Nachhinein betrachtet, ist es total logisch, dass es so weit kommen musste. Mein Selbstschutz war gleich Null. Ich habe nicht auf mich aufgepasst. Gut, ich bemerkte schon, dass meine Reserven weniger geworden sind. Wäre ich rechtzeitig zum Arzt und hätte diesen gebeten mich für einige Zeit aus dem Verkehr zu holen, dann wäre das mit Sicherheit nicht passiert. Aber ich habe das nicht getan. Ich war immer stolz darauf nicht krank zu sein und meine Arbeit zu machen. Ich wollte zuverlässig sein – und das war mein Fehler.

Der eigentliche Auslöser für die Panikattacke im Jahr 2008 war wieder mein Hund. Mein damaliger Mann und ich hatten uns bereits im Jahr 2005 eine Schäferhündin zugelegt und im Jahr darauf einen süßen kleinen Westie. Die beiden haben sich eigentlich geliebt. Doch eines Abends ist die Schäferhündin durchgedreht. Sie hat sich den Westie geschnappt und wollte in Tot beißen. Ich habe ihr den Westie aus dem Maul herausgezogen. Dazu habe ich ihr ins Maul gefasst und Ober- und Unterkiefer geweitet, so dass der Westie herausfällt. Der Westie hat überlebt, ich habe ihn noch am gleichen Tag zum Arzt gefahren, der ihn nähte und anschließend zu meinen Eltern gebracht, die ihn dann in „Pflege“ nahmen für ein paar Tage. Das war an einem Sommerabend im Jahr 2008. Bis dahin hatte ich noch keine Panikattacke. Dafür aber am Tag danach auf dem Weg zur Arbeit, auf der Rheinbrücke. Eine klassische Panikattacke. Ab da war jeder Tag zur Arbeit wieder einmal die pure Hölle.

Mein zweiter Mann war zwar vollkommen anders als mein erster Mann. Aber genauso wie mein erster Mann, hat er gemacht was er wollte. Ich konnte mich nicht durchsetzen. Mehrmals habe ich versucht die finanzielle Situation anzusprechen und dass wir sparen müssen und so weiter und so fort. Doch ich bin auf Granit gestoßen. Eine Paartherapie kam für ihn nicht in Frage. Schließlich war er ehemaliger Berufssoldat. Ein ganzer Mann. Dem fehlt nichts.

Von 2008 bis 2010 war ich erneut in Psychotherapie. Ich habe mich wieder für eine Gesprächstherapie entschieden. Das Resultat war wieder Trennung von meinem Mann. Es war nicht das Ergebnis der Psychotherapie. Doch ich fühlte, dass ich diesen Mann verlassen muss, weil mir das Zusammenleben mit ihm nicht guttut.

Mitte 2010 habe ich mich von meinem zweiten Mann getrennt. Ich habe heute noch hohe Schulden aus dieser Ehe. Ausgezogen bin ich im Dezember 2010. Ich habe mir eine Wohnung in Landau in der Pfalz genommen. Zwischenzeitlich hatte ich auch den Arbeitgeber gewechselt und ich arbeitete in Landau als Marketing-Mitarbeiterin bei einer kleinen Firma.

Ich hatte mir vorgenommen, beim nächsten Mann darauf zu achten, dass nicht nur ich alles organisieren und regeln muss. Ich habe mir vorgenommen, beim nächsten Partner darauf zu achten, dass auch dieser Verantwortung übernimmt und ich mich auch mal fallen lassen kann und dass ich nicht immer alles zahlen muss.

Im Januar 2011 habe ich dann schon wieder einen anderen Mann kennengelernt.

Er war gebildet, Doktor der Mathematik, hatte ein tolles Haus, lebte alleinerziehend mit seinen drei Kindern und hat sich bereits in der dritten Kennenlernwoche als Held erwiesen: In meiner Wohnung in Landau merkte ich nachts, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Vorangegangen ist eine Erkältung, die ich nicht auskuriert habe. Hier muss ich erwähnen, dass ich im Alter von 11 Jahren, meinen ersten Hexenschuss hatte und Rückenschmerzen und -verspannungen immer ein Thema bei mir sind – bis heute.

Jede Bewegung bereitete mir in dieser Nacht unsagbare Schmerzen. Er wohnte 80 km entfernt von mir. Am anderen Morgen kam er gefahren und sorgte dafür, dass ich ins Krankenhaus kam. Ich konnte mich nicht bewegen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er rief etwa 5 Minuten bevor er eintraf an und dann machte ich mich auf den Weg zur Tür. Ich konnte nicht laufen. Ich habe mich vom Bett aus mit dem Bauch auf den Boden gelegt und habe mich mit den Händen Richtung Wohnungstür gezogen. Ich war vollkommen bewegungsunfähig und hatte unsagbare Schmerzen.

Ich war bewegungsunfähig, aber dieses Mal nicht wegen der Psyche sondern, sondern weil mir das mein Körper so auferlegt hatte. Psychisch ging es mir damals eigentlich sehr gut. Aber wie heißt es so schön: die meisten Krankheiten sind psychosomatisch. Hätte ich mal damals auf meinen Körper gehört!

Mein neuer Freund hat schließlich dafür gesorgt, dass ein Krankenwagen kommt und mich ins Krankenhaus fährt.

Was für ein Held, dachte ich. Ich war schwer beeindruckt.

Im Krankenhaus wurde ich unter Morphium und Psychopharmaka (wegen der Schmerzen) gestellt. Eine Untersuchung in der Röhre war nicht möglich, aufgrund meiner Angst in der Röhre. Man versuchte mich unter Drogen zu stellen und noch einen Versuch zu machen, mich in die Röhre zu bringen. Aber die Drogen haben nicht ausgereicht, meine Angst vor der Röhre ausreichend zu reduzieren. Nach einer Woche wurde ich entlassen ohne Befund. Da ich immer noch Schmerzen hatte und noch nicht ganz beweglich war, hat mich mein damaliger Freund mit zu sich nach Hause genommen. Und es kam, wie es kommen musste. Ich bin dann gleich zu ihm gezogen. Damals war ich wie benebelt – auch von den Schmerzen – und dachte, dass ist er jetzt, mein Held. Außerdem hatte ich plötzlich Angst allein in meiner Wohnung zu sein. Aber mein neuer Freund war nicht der Richtige. Er war unglaublich charmant anfangs und kümmerte sich sehr rührend um mich. Es beeindruckte mich umso mehr, als dass er auch noch drei Kinder hatte, die damals 5, 8 und 11 Jahre alt waren. Und ich war sehr dankbar, dass er mir geholfen hat und mich ins Krankenhaus brachte.

Außerdem bin ich nach kurzer Zeit schwanger von ihm geworden und das obwohl ich dachte, ich sei unfruchtbar (so haben mir das die Ärzte immer gesagt). Es war wie ein Wunder. Ich wollte immer ein Kind. Und jetzt sollte es wahr werden. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe mich sehr gefreut und er auch. Ich dachte, endlich werde ich eine Familie haben. Wir haben schon geplant ein entsprechend großes Auto für eine Großfamilie zu kaufen. Das Leben schien perfekt und es ging mir blendend.

Das Glück hielt nicht lange an.

Nach 9 Wochen habe ich das Kind verloren. Es ist in meinem Körper abgestorben und musste ausgeschabt werden. Danach war nichts mehr wie es vorher war.

Mein neuer Lebensgefährte zeigte immer mehr sein wahres Gesicht. Anfang 2017 trennte ich mich von ihm. Es war der vierte Auszugsversuch, der dann auch endgültig war. Eine Freundin gab mir damals den Rat, ich solle mal ein Buch über Narzissten lesen. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Endlich hatte ich eine Erklärung für die vergangenen Jahre. Mir ging es zunehmend schlecht in der Beziehung. Nach der Trennung von diesem Mann, die extrem stressig war, hat mich die Ärztin vier Wochen krankgeschrieben. Das war gut so. So konnte ich zur Ruhe kommen.

Ich bin in meine alte Wohnung im Haus meiner Eltern gezogen. Von da aus bin ich jeden Morgen über Frankreich zu meinem Arbeitsplatz nach Rastatt gefahren. Nach der Grenze konnte man frei fahren. Ich hatte 2 Spuren. Ich bin aber den LKWs hinterhergefahren und habe mich nicht getraut, diese zu überholen. Da merkte ich, dass es wieder kurz vor 12 ist. Also bin ich zu meiner Ärztin und habe sie gebeten mich krank zu schreiben. Ich habe der Ärztin meine aktuelle Trennungsgeschichte erzählt und habe ihr gesagt, dass ich Angst habe wieder Panikattacken zu bekommen. Da hat sie das einzig richtige getan und mich 4 Wochen krankgeschrieben. Das war gut so und hat mir sehr geholfen. Es ist wie ein Wunder: aber bereits nach diesen 4 Wochen war ich wieder nahezu angstfrei. Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich die Anzeichen einer Panikattacke vorher erkannt und habe mich geschützt, in dem ich zum Arzt bin und diesen gebeten habe, mich erst einmal aus dem Verkehr zu ziehen. Mir ist das sehr schwergefallen. Da ich ja keine richtige Krankheit hatte, hatte ich zunächst die Befürchtung, dass andere mich für eine Simulantin halten. Aber diese Befürchtung habe ich zum Glück schnell wieder über Bord geworfen: es ging um mich und nicht darum, was die anderen denken. Es geht mir schlecht, also lasse ich mich krankschreiben. Ich war nach diesen vier Wochen noch etwas unsicher auf den Beinen, aber es ging mir wieder sehr gut. In dieser Zeit habe ich meine Wohnung eingerichtet, bin mit den Hunden spazieren gegangen und war insgesamt viel in der frischen Luft und habe über mich nachgedacht. Die Ärztin hatte mir Psychopharmaka verschrieben. Diese habe ich an einem Tag ausprobiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich sie nicht benötige. Das war dann auch so. Ich habe das Medikament nicht weiter eingenommen.

Die Trennung von diesem Mann verlief bilderbuchmäßig, genauso wie eine Trennung von einem Narzissten in den Büchern beschrieben wird. Insgesamt sehr anstrengend. Etwa 10 Monate nach der Trennung hörte ich das letzte Mal von ihm. Zum Glück! Zwischendurch war ich immer wieder versucht Anzeige bei der Polizei gegen ihn zu stellen, weil er mich immer und immer wieder belästigte. Diese Belästigungen waren mit groben Beleidigungen verbunden. Da ich den Telefonkontakt für ihn gesperrt hatte, blieb ihm nur mir zu schreiben per Email. So schrieb er Emails an meine private und meine Geschäftsadresse immer in Kopie. Ich habe auf seine Schreiben nicht reagiert. Einfach keine Reaktion gezeigt. Das war das Beste und einzig Richtige. Wenngleich ich immer wieder versucht war, ihm zu antworten. Doch ich wusste, dass eine Reaktion von mir ihn füttern würde und er immer weiter machen würde. Er diskutierte für sein Leben gerne und schrieb unglaublich gerne Emails. Diese Emails waren immer gut strukturiert. Das war so etwas wie ein Hobby von ihm. Er liebte es mit der Anwältin seiner Exfrau zu diskutieren. Und er liebte es in einer Diskussion als Gewinner hervor zu gehen. Ich wusste, dass ich nur gewinnen kann, in dem ich schweige. Also habe ich mir manchmal seine Beleidigungen durchgelesen, habe die Beleidigungen zur Kenntnis genommen und ignoriert und habe mein Leben weitergelebt – ohne ihn. Ja, ohne ihn. Ohne Panikattacken, vollkommen angstfrei!

Ich erkannte, dass ich mich in den vergangenen Jahren selbst von diesem Mann in Abhängigkeit gebracht hatte. Ich war in dieser Beziehung ein Jahr arbeitslos und war auch für seine drei Kinder da. Es war damals auch ein Wunsch von mir für die Kinder da zu sein – ich dachte, dass ich ihm helfen kann. Er befand sich gerade in einem Rechtsstreit mit seiner Exfrau (aber er befindet sich immer in irgendeinem Rechtsstreit).

Irgendwie dachte ich, es liegt an mir, dass auch diese Beziehung nicht funktioniert. Vordergründig hat er auch immer alles getan, dass alles läuft. Er ist nach außen hin ein sehr fürsorgender Mann und Vater. Jeder, der ihn kennenlernte war begeistert von ihm. Er wusste sich auszudrücken und war sehr gebildet. Diese Beziehung muss funktionieren, dachte ich. Ich bin in zwei Ehen gescheitert. Das muss jetzt wirklich funktionieren. Doch je mehr ich versucht habe, das Ganze am Laufen zu halten umso mehr ging es nicht mehr. Mir ging es nur noch schlecht. Die Beleidigungen, die er mir gegenüber aussprach wurden immer stärker (angefangen mit „du dumme Nuss“ oder „bist du denn zu blöd für …“). In den letzten drei Jahren der Beziehung hat er angefangen, das ganze Haus elektronisch zu überwachen. Überall waren Kameras. Unglaublich. Er wollte alles unter Kontrolle haben. Es war für mich nicht mehr möglich mit diesem Mann zusammen zu bleiben. Ich musste mich von ihm trennen. Und das obwohl wir vier Hunde hatten und ich diese vier Hunde mitnehmen musste. Das hat er mir schon beim ersten Trennungsversuch mitgeteilt.

Die Kameras waren es nicht allein, warum ich gegangen bin. Es war viel mehr der Wunsch von ihm alles unter Kontrolle zu halten und nur der Technik zu glauben.

Hinzu kam, dass er mich immer und immer wieder beleidigt hat. Es war für ihn stets sehr wichtig, andere wissen zu lassen, dass er der Klügere und Bessere ist. Wo er nur konnte, erniedrigte er mich. Anfangs hat es mich verletzt. Aber ab dem Zeitpunkt wo ich beschlossen habe ihn zu verlassen, hat mich gar nichts mehr verletzt. Ein paar Wochen, nachdem ich ihn verlassen hatte, wurde mir klar, dass ich mich von ihm habe emotional misshandeln lassen. Das hat meine letzten Kräfte geraubt.

Letztendlich waren es die Beleidigungen, die emotionale Misshandlung, die mich aus dieser Beziehung herausgeführt haben. Ich habe mich erniedrigt gefühlt. Das was ich gegeben habe und was ich bekommen habe, war nicht im Gleichgewicht.

Als ich ihn dann definitiv verlassen habe, meinte er, dass in der Beziehung doch alles okay gewesen wäre, wir hätten in letzter Zeit überhaupt nicht mehr gestritten. Daraufhin meinte ich zum ihm „Merkst du was? Du warst es nicht mehr wert, dass ich mich mit dir streite“.

Die Kinder hatte ich sehr lieb. Aber ich musste gehen.

Da hatte ich mir also vorgenommen nach einem Mann zu suchen, der Verantwortung übernehmen kann und auch mal für mich da ist, bei dem ich mich fallen lassen kann und bin wirklich gefallen. Aber letzteres im negativen Sinn.

Seit der Trennung von diesem Mann habe ich definitiv keine Panikattacken mehr und ich kann wirklich sagen, dass ich angstfrei bin. Seither fühle ich mich frei und ohne jeden Zwang: ich muss keinen Mann bemuttern und keiner versucht mich zu erniedrigen. Und ich versuche auch nicht mehr, es irgendjemandem recht zu machen.

Ich kann wieder uneingeschränkt Auto fahren: durch Tunnel, über Brücken, LKWs überholen und vieles mehr. Ich kann sehr lange Strecken fahren und das sehr gerne auch allein. Ich bekomme keine Angst mehr. Ich freue mich sogar wieder, wenn ich mit dem Auto eine Reise machen kann. Das Ziel der Reise motiviert mich jedes Mal.

Ich gehe auch wieder sehr gerne allein einkaufen und vieles mehr. Im letzten Jahr (in 2017) habe ich zum ersten Mal in meinem Leben allein Urlaub gemacht und bin 800 km zum Urlaubsort gefahren und habe dann allein in einem sehr schönen 5 Sterne-Hotel in Norddeutschland meinen Urlaub verbracht. Gut, das war keine leichte Übung, aber es hat mich weitergebracht.

In diesem Jahr (also in 2018) bin ich sogar schon fünf Mal allein mit dem Flugzeug gereist: zunächst nach Berlin, dann nach Estland und drei Mal nach Libanon – jedes Mal alleine. Meine Güte geht es mir gut! Meine Güte, was habe ich für einen Bewegungsradius! Ich kann wieder alles tun und lassen was ich möchte. Ich war in diesem Jahr zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb von Europa – und das allein! Meine Angst hat keine Macht mehr über mich. Das ist unglaublich und das größte Geschenk, das ich mir im Leben erträumt habe. Ich hätte mir nicht denken lassen, dass ich das jemals kann. Ich kann es und bin unendlich froh darüber.

Der Weg aus der Angst heraus war jedes Mal mit großen Änderungen in meinem Leben verbunden. Jedes Mal mit der Trennung von einem Mann. Und oft mit einem Arbeitsplatzwechsel. Nach diesen gravierenden Änderungen ging es mir immer sehr gut und ich war und bin noch angstfrei.

Jedes Mal musste ich erkennen, dass ich wieder versucht habe, es allen um mich herum recht zu machen ohne Rücksicht darauf ob das auch für mich gut ist. Jede Änderung, die ich herbeigeführt habe zeigte mir, dass ich auf mich achten muss und nicht auf die anderen. Es zeigte mir aber auch, dass ich mich auf mich verlassen kann. Ich tue das Richtige. Auch wenn andere anderer Meinung sind oder waren.

Nicht für jeden führt der Weg aus der Angst heraus über die Trennung von einem Partner wie bei mir. Das war bei nur mir so. Ich habe mich selbst immer wieder in schwierige Situationen mit Männern gebracht, aus denen ich dann keinen Ausweg mehr wusste. Es scheint symptomatisch zu sein, dass es bei mir immer der Partner war, von dem ich mich habe beeinflussen lassen, von dem ich mir meine Kraft habe rauben lassen. Bei anderen Menschen mit Panikattacken sind es andere Situationen und Dinge, die sich wahrscheinlich wiederholen und die gelöst werden müssen. Diese muss jeder für sich selbst finden.

Aber jedes Mal habe ich mich vor der Panikattacke hoffnungslos überfordert in jeder Hinsicht. Ich bin aber froh, dass ich mich vor der letzten drohenden Panikattacke rechtzeitig zum Arzt begeben habe und mich geschützt habe. Ich habe aktiv auf die Anzeichen achten und entsprechend reagieren können. Darüber bin ich sehr froh.

Selbst wenn ich jetzt nochmal einen Mann kennenlernen sollte, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, dann werde ich darauf achten, dass ich meine Selbständigkeit nicht mehr verlieren werde. Das ist für mich sehr wichtig. Für jemand anderen mit Panikattacken ist etwas anderes wichtig.

Mein Job ist soweit stabil. Ich arbeite seit 4,5 Jahren bei einer Behörde (habe im März 2014 dort angefangen). Das ist jetzt mein neunter Arbeitgeber. Vorher war ich auch mal ein Jahr arbeitslos. Mein Job ist es mit Rehabilitanden und schwerbehinderten Menschen zu arbeiten. Ich bekomme jeden Monat mein Gehalt. Ich kann, wenn ich Überstunden habe, Freizeitausgleich machen und ich bekomme Weihnachtsgeld. Ein wirklich guter Arbeitgeber und ich habe tolle Kollegen. Was will ich mehr. Das Gehalt könnte höher sein, aber es reicht gerade so. So lange ich keine Panikattacken habe, ist die Welt in Ordnung.

Während meiner beruflichen Tätigkeiten als Arbeitstherapeutin oder bei meiner jetzigen Tätigkeit begegneten / begegnen mir immer wieder Menschen, die sich gerade in akuter Paniksituation befinden und es werden immer mehr. In der Regel teile ich meinen Kunden mit, dass ich selbst unter Panikattacken gelitten habe bzw. leide. Die Kunden sind daraufhin sehr dankbar. Eine Kundin meinte mal zu mir: „Wissen Sie, dass Sie mir vor einem Jahr das Leben gerettet haben?“. Ich war sehr verwundert darüber und konnte mich an das Gespräch, in welchem ich ihr das Leben gerettet haben soll, nicht mehr erinnern. Ich habe mehrere Hundert Kunden. Da kann ich mich nicht an jeden Kunden erinnern. Die Kundin erzählte mir, dass ich ihr Mut gemacht habe und sie dankbar war, dass ich sie verstanden habe. Dies stärkte meinen Entschluss über meine Panikattacken das Buch fertig zu schreiben und auch tatsächlich zu veröffentlichen. Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe jetzt nicht den Ehrgeiz Leben zu retten. Ich möchte einfach nur Mut machen und diese Kundin hat mich dazu ermutigt. Ich möchte alle, die unter Panikattacken leiden, ermutigen zunächst einmal daran zu glauben, dass sie aus der Panik wieder rauskommen und dass das Leben anschließend sogar noch besser als vorher ist. Die Angst zu bekämpfen erfordert Mut. Aber Sie werden anschließend wie Phönix aus der Asche steigen. Manchmal – und immer öfter – fühle ich mich so, oder besser formuliert: manchmal erlaubt mir das Leben mich so zu fühlen, als wäre ich wie Phönix aus der Asche gestiegen.

Suchen und finden

Letzten Endes müssen Sie den immer wieder kehrenden „Fehler“ suchen. Suchen Sie die Situation, in die Sie immer wieder hineingeraten und die Ihnen nicht guttut und Ihnen Angst bereitet. Eventuell eine Situation, die Sie in die Enge treibt. Beantworten Sie sich die Frage, warum Sie da hineingeraten sind. Wichtig ist, dass Sie keine Schuld bei den anderen suchen. Sie allein haben es so weit kommen lassen. Nur Sie! Niemand anders! Und nur Sie können den Weg herausfinden. Ich würde mal behaupten, dass sie Situationen suchen müssen, in denen sie sich von anderen zu stark beeinflussen lassen bzw. in denen sie versuchen den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Wenn Sie diesen „wunden Punkt“ gefunden haben, dann ist der Weg aus der Panikattacke heraus sehr wahrscheinlich.

Bei mir waren es mehrere „wunde Punkte“. Da genau hinzusehen schmerzte und hat sehr wehgetan. Aber nur hinsehen und entsprechende Änderungen vornehmen, hilft den Weg aus der Panik finden. Streckenweise habe ich im stillen Kämmerchen viele Tränen vergossen und war zeitweise auch sehr depressiv.

Insgesamt verlangen die Veränderungen, die herbeigeführt werden müssen, wirklich viel Kraft und Energie, am meisten aber Mut.

Entspannung

Entspannung war für mich noch nie einfach. Ich bin ein Mensch, der immer „unter Strom“ steht. Insbesondere in Zeiten, in denen meine Panikattacken stark ausgeprägt waren, war Entspannung überhaupt nicht möglich. Ständig war ich angespannt und mein Puls war zu schnell. Mein Blutdruck war auch nicht okay.

In meiner zweiten Psychotherapie gab mir die Therapeutin verschiedene Audio-CDs mit verschiedenen Entspannungstechniken. Für mich war die Atementspannung sehr gut.

Als ich eine solche Übung zum ersten Mal machte, dachte ich, das bringt überhaupt nichts. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Dementsprechend fiel es mir sehr schwer für ein paar Minuten ruhig auf der Couch zu liegen. Doch am Ende der Übung merkte ich, dass es mir besser ging und ich wirklich entspannt war und mal wieder durchatmen konnte. Das war vollkommen neu für mich. Ich kann jeden nur dazu ermutigen Entspannungstechniken anzuwenden oder es zumindest einmal zu versuchen. Was ich während meiner Arbeit als Arbeitstherapeutin gelernt habe war, dass nicht jede Technik für jeden geeignet ist. Mir hat beispielsweise auch die Progressive Muskelentspannung gutgetan. Aber letzten Endes habe ich mich für die Atementspannung entschieden.

Daher rate ich jedem sich über die möglichen Entspannungstechniken zu informieren und die für ihn geeignete regelmäßig anzuwenden.

In der Akutphase habe ich jeden Abend die Atementspannung durchgeführt. Die hat mich jedes Mal wieder auf ein beinahe „Normallevel“ gebracht.

Die Zeit

1997 hatte ich meine erste Panikattacke. Seit Ende 2017 oder Anfang 2018 kann ich sagen, dass ich wirklich frei von Panikattacken bin.

Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ich während der vergangenen 21 Jahre ständig unter Panikattacken litt. Es gab zwei Akutphasen: von 1997 bis 1998 und die zweite Jahreshälfte von 2008.

In der restlichen Zeit waren die Attacken mal fast weg, mal stärker ausgeprägt und mal schwächer.

Wichtig ist, dass man sich klar macht, dass man sich z.B. kein Bein gebrochen hat, das innerhalb weniger Wochen und in einem überschaubaren Zeitraum zusammenwächst und das mit Physiotherapie wiederaufgebaut werden kann.

In meinen Augen ist diese Krankheit auch nie abgeschlossen und man ist nie geheilt davon. Die Angst ist immer da und die Attacke kann jeden Moment zurückkommen, wenn ich nicht auf mich aufpasse. Aber ich würde die Angst mittlerweile als meine Freundin und nicht mehr als meine Feindin bezeichnen. Sie hat mich gelernt auf mich aufzupassen, auf meine innere Stimme zu hören. Das erlebe ich wie ein Geschenk. Und jetzt ist mein Bewegungsradius sogar noch größer als er vorher je war – sofern es meine finanziellen Mittel zulassen. Und dass mein Bewegungsradius wirklich sehr groß ist, das bekomme ich über Rückmeldungen von Freunden und Bekannten mit. Die meisten sagen, dass sie sich das nicht trauen würden, was ich mache – ich reise gerne allein. Ich mache es und zwar mit großer Freude und mit großer Lust. So gesehen, kann ich der Angst auch dankbar sein. Das hätte ich mir vor der Panikattacke nicht für mich vorstellen können.

Während ich dieses Buch schreibe

Während ich dieses Buch schreibe überkommt mich gelegentlich eine tiefe Traurigkeit und Zweifel. Ich bin seit Tagen schlecht drauf, ja beinahe depressiv, aber ich schreibe weiter. Zwischendurch habe ich die Befürchtung, dass meine Panikattacken zurückkommen könnten. Aber ich weiß, dass ich keine mehr bekommen werde.

Zweifel überkommen mich, weil ich mich frage, ob es richtig ist, dieses Buch zu schreiben und auch noch zu veröffentlichen. Irgendwie habe ich auch Angst, dass ich negative Reaktionen ernten werde oder es absolut niemanden interessiert. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass ich das tun soll. Ich möchte auch niemanden bloßstellen und ich bemühe mich alles so anonym zu halten, wie es nur geht.

Seit Jahren denke ich schon darüber nach, ein Buch über meine Panikattacken zu schreiben und habe es bisher aber nicht getan. Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit begegnen mir nahezu jeden Tag Menschen, die unter Panikattacken leiden oder litten. Teilweise befinden sich diese Menschen gerade in einer Panikattacke, wenn Sie zu mir kommen.

Ich habe den Eindruck, es werden von Jahr zu Jahr mehr Betroffene und das ist auch der Grund, warum mich der Gedanke, über die Panikattacken ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen nicht mehr loslässt und ich das Gefühl habe es tun zu müssen.

Gut, es existieren bereits genug Bücher zu diesem Thema. Bisher haben aber noch wenig selbst betroffene Menschen über dieses Thema geschrieben und ich habe noch keines von einem selbst Betroffenen darüber gelesen, weil ich nicht möchte, dass ich beeinflusst werde. Ich möchte meine Sicht der Dinge schildern.

Vielleicht gelingt es mir ja wirklich mit diesem Büchlein anderen Mut zu machen. Und wenn dem so wäre, dann wäre das ein wunderschönes Geschenk für mich. Denn kein Mensch hat ein solches Gefängnis verdient, wie es einem die Panikattacken auferlegen. Dann lieber ein echtes Gefängnis. Aber nicht der vermutliche Wahnsinn.

Während dem Schreiben kommen viele Erinnerungen zurück, die teilweise sehr schmerzhaft sind und ich fange an mich zu bewerten. Die Bewertung mir gegenüber ist nicht gut. Ich sage dann zu mir „Du bist eine Loserin“. Emotional bin ich in den vergangenen Jahren durch Himmel und Hölle gegangen. Ich habe immer gearbeitet und war immer sehr pflichtbewusst und auch zuverlässig: ich habe mein Studium erfolgreich beendet, habe in den Betrieben, in denen ich angestellt war und bin, immer gute Arbeit geleistet, bin auch mal im Bundeskanzleramt ausgezeichnet worden für ein sehr gutes Marketingkonzept.

Ich stelle aber fest, dass ich nie oder so gut wie nie für mich selbst gekämpft habe. Es gab eine Zeit, da habe ich mich bis zur Selbstaufopferung für andere eingesetzt. Aber nie für mich. Dementsprechend habe ich auch kein positives Vermögen, nur negatives.

Wenn ich in den vergangenen Jahren in Schwierigkeiten war, gleich welcher Natur die Schwierigkeiten waren, habe ich mir nie Hilfe geholt. Ich dachte, das bekomme ich schon hin. Ich war immer bemüht nie irgendjemanden zu belästigen. Aber manchmal ist es einfach besser, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und diese dann auch zu holen.

Ich nehme mir gerade wieder vor, dieses Buch zu Ende zu schreiben und es auch zu veröffentlichen. Das hat jetzt schon beinahe meditativen Charakter.

Ich bin zwar zwischendurch manchmal traurig, während ich dieses Buch schreibe, aber auf der anderen Seite bin ich unendlich dankbar und froh, mich wieder frei bewegen zu können. Frei zu sein ist für mich das größte Geschenk des Lebens, das möchte ich unbedingt an andere Betroffene weitergeben.

Vor einigen Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können wieder so frei zu sein. Diese Freiheit ist für mich unbezahlbar und neben der Gesundheit, das höchste Glück. Das ist meine Freundin Hilda. Es war bis dahin ein sehr harter Kampf. Ein Kampf mit mir und mit meiner Umwelt und mit Hilda.

Nach meiner Ansicht gibt es keinen X-Punkte-Programm mit welchem man innerhalb kurzer Zeit aus der Angststörung heraus kommt. Ich denke, dass das ein sehr individueller Weg ist, den jeder für sich selbst suchen und finden muss.

Nicht erreichbare Ziele

Viele von der Gesellschaft als erfolgreich anerkannte Menschen berichten, dass sie sich immer langfristige Ziele gesetzt haben und diese dann auch erreicht haben. Ich habe mir nie so ein Ziel gesetzt. Ich glaube, dass ich so etwas gar nicht kann. Ich bin immer mit der Zeit mitgeschwommen, habe das Leben so genommen wie es kam und bin damit umgegangen. Jemand hat mir mal gesagt, dass meine Einstellung Luxus wäre. Da war ich dann aber sehr erstaunt. Mehr als das.

Für mich ist es wichtig überall hinzuschauen, vor nichts die Augen zu verschließen und mich nicht von einem gesetzten Ziel von etwas Interessantem abhalten zu lassen. Wenn ich nämlich immer krampfhaft einem Ziel hinterherjage, dann bekomme ich ja nur die Hälfte mit und viele interessante Dinge, übersehe ich dann. Vieles kann ich dann nicht machen, nur weil ich dem Ziel hinterherhetze. Manchmal sind ja schließlich auch Zielkorrekturen durchaus notwendig. Aber die Erfolgreichen dieser Welt, machen scheinbar keine Zielkorrekturen.

Es gibt da in Bewerbungsgesprächen eine berühmte Frage, die ich überaus hasse: „Welche Ziele haben Sie für die nächsten 5 Jahre?“. Ich weiß, dass ich mit meiner Antwort immer wieder durchfalle. Meine Antwort lautet: „Gesund und glücklich zu bleiben“. Das ist nicht die Antwort, welche von Personalfachkräften gewünscht ist. Personaler stellen diese Frage, weil sie etwas über die Karriereziele erfahren wollen. Aber auch um zu erfahren, ob die Stelle, auf die man sich bewirbt in den beruflichen Masterplan passt.

Masterplan, wenn ich das schon höre!

Ich hatte noch nie einen beruflichen Masterplan. So etwas passt nicht zu mir. In Betrieben, die eine Personalrekrutierung haben, die exakt nach Handbuch arbeitet, falle ich also regelmäßig durch. In solchen Betrieben bin ich als fleißige Biene gerne gesehen – überall, aber nicht für eine Position, die höher dotiert ist.

Ich hatte in den letzten 2 Jahren 3 Vorstellungsgespräche in dem Betrieb, bei dem ich aktuell arbeite. Wie gesagt, ich arbeite auf einer Behörde. Es ist eine sehr große Behörde. Mannomann. Ich muss schon sagen, in allen Vorstellungsgesprächen waren Personaler, die auf höchst professionellem Niveau arbeiten. So wie es in der super professionellen Anleitung steht. Höchst professionell genormt. Die Gespräche liefen wie folgt ab: Zunächst allgemeine Vorstellungsrunde, damit ich weiß, wer mir da überhaupt gegenübersitzt und selbstverständlich habe auch ich mich vorgestellt. Dann musste ich eine Präsentation halten, für deren Vorbereitung ich vorher 30 Minuten Zeit bekommen habe. Danach scheinbarer Smalltalk, der kein Smalltalk war und zu guter Letzt „Psychofragen“ und dann noch eine Zusammenfassung. Ach herrjeh, und zum Schluss die Frage, „Wie fühlen Sie sich jetzt?“. Ich kenne die „richtigen“ Antworten auf diese überaus professionellen psychologischen Fragen. Schließlich habe ich das ja studiert und bin nicht auf den Kopf gefallen. Aber diese Antworten treffen nicht auf mich zu. Ich bringe die „richtigen“ Antworten einfach nicht über meine Lippen. Die Interviewer bemerken sehr gut, dass ich nicht in den erforderlichen standardisierten Rahmen passe.

Sie fragen sich jetzt sicher, wie ich überhaupt in diesen Betrieb gekommen bin. Tja, dieses Vorstellungsgespräch wurde „nur“ von meiner damaligen Chefin und ihrem Vertreter geführt. Und es hat menschlich zwischen uns einfach gestimmt. Wie Liebe auf den ersten Blick. Wäre da jemand aus der überaus professionellen Personalabteilung dabei gewesen, hätte ich mit großer Wahrscheinlichkeit keine Zusage für diese Stelle bekommen.

Was haben erfolgreiche Menschen und ihre Ziele mit mir und meinen Panikattacken zu tun fragen Sie sich jetzt sicher.

Ich arbeite jetzt zum zweiten Mal in meinem Leben in einem sehr, sehr großen Betrieb. Das Unternehmen beschäftigt mehrere Tausend Mitarbeiter im fünfstelligen Bereich. Bei dieser Größe kann man nur mit Standard bzw mit Qualitätsrichtlinien arbeiten, also mit Vorgaben, an denen sich die Mitarbeiter festhalten und auch gemessen werden können. Validierung ist ja auch so ein Schlagwort unserer Zeit.
Schließlich muss man ja zertifiziert werden können. Es ist wie mit dem festgelegten Ziel: interessante Dinge bleiben da einfach unberücksichtigt und wenn es Mitarbeiter sind. Oder soll ich anstelle von Mitarbeiter „Humankapital“ sagen? Letzteres Wort „Humankapital“ hört sich unmenschlicher an als Mitarbeiter. Aber letzten Endes verdeutlicht der zweite Teil des Wortes „kapital“, dass es eigentlich, wenn man es richtig macht, zinsbringend angelegt werden könnte; also das Personal kann „zinsbringend“ angelegt werden, wenn man es pflegen würde als wäre es Geld. Aber ich behaupte, dass nur die wenigsten Führungskräfte an den „Zinsgewinn“ des Personals denkt, den er erwirtschaften könnte, wenn die Mitarbeiter gut geführt werden. Stattdessen erlebe ich, dass der Krankheitsstand im Kollegium zunimmt trotz hochprofessionellem Betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement.

Da wo ich arbeite herrscht die Meinung, dass ein Chef keine Fachkenntnisse braucht, er muss nur gut führen können. Das ist meines Erachtens generell richtig. Funktioniert aber nur, wenn der Chef, die Chefin über eine Natürliche Autorität verfügt.

So und jetzt finden Sie mal eine Natürliche Autorität. Das ist gar nicht so einfach. Wer kann das? Meistens üben Chefs ihre formale Autorität aus, was nicht immer sehr erfreulich ist und dem Humankapital gegenüber nicht unbedingt förderlich ist.

In Betrieben dieser Größe habe ich des Öfteren versucht in eine andere Position zu kommen. Bin aber immer gescheitert. In früheren Jahren habe ich mich einfach nur aufgeregt über solche Systeme, war wütend und enttäuscht und ich merkte, dass ich gegen eine Wand prallte. Mir wurde signalisiert „Genau da ist Schluss“ und ich habe nicht verstanden warum. Dies war in früheren Jahren ebenfalls dafür verantwortlich, dass sich bei mir Panikattacken anbahnten. Ich wollte etwas, das ich definitiv nicht bekommen konnte, weil ich nicht in den Rahmen passe. Ich sollte die fleißige Biene bleiben.

Die Erkenntnis, dass ich in größeren, professionell geführten (so nennt man das wohl) Betrieben, nicht zu „Höherem“ berufen bin oder werde tut weh, sich das eingestehen zu müssen, ist auch sehr schmerzhaft.

Aber heute bekomme ich deshalb keine Panikattacken mehr. Der erste Schritt zum besseren Weg, also zum Weg ohne Panikattacken, war die zuvor geschilderte Erkenntnis, der zweite Schritt mir das einzugestehen. Ich musste loslassen lernen. Wenn ich etwas möchte und es aber nicht bekomme, dann hat das einen Sinn. Was würde mir eine Stelle bringen, in der ich Dinge tun müsste, die ich nicht vertreten könnte? Ich wäre in ständigem Konflikt mit Vorgesetzten. Die würden mich zur Mega-Panikattacke führen, das könnte ich nicht gebrauchen. Also ist es besser, da zu bleiben, wo ich bin und das beste aus der Situation zu machen. So gesehen, haben die Personaler gut auf mich aufgepasst und die Standardisierung macht dann auch einen Sinn für mich. Der Standard bemerkt halt einfach, wenn jemand nicht ins System passt. Und ich passe da nicht rein. Aber für die Biene reicht es noch.

Okay – in anderen Betrieben hatte ich schon andere, bessere Positionen als jetzt, eingenommen. Aber diese Betriebe waren kleiner und die arbeiteten bei der Personalwahl nicht nach Handbuch. Da verliefen die Gespräche auch eher auf der Sympathieebene ab.

Warum wechsele ich nicht einfach die Arbeitsstelle fragen Sie sich jetzt vielleicht. Die Antwort: mir macht mein Job Spaß, ich habe nette Kollegen und ich habe flexible Arbeitszeit. Ja, und manchmal kann ich das Gesetz dehnen zu Gunsten von schutzwürdigen Menschen. Außerdem habe ich neben der Arbeit noch andere Interessen, die ich gerne verfolgen möchte. Durch die flexible Arbeitszeit kann ich diese Interessen wahrnehmen. Was will ich mehr. Meine Panikattacken bin ich auch los.

Meine eigenen Erklärungen

Also, seit meiner letzten Trennung von einem letzten Lebensgefährten habe ich auch keinen Fernseher mehr. Wenn ich das jemandem sage, werde ich meistens verdutzt angeschaut und gefragt: „Dann bekommst du ja gar nicht mit, was in der Welt passiert“. Ja, so ist es. Ich fühle mich dann kurzfristig etwas minderwertig, aber wenn ich ehrlich bin, will ich es auch gar nicht wissen was in der Welt passiert. Ich will wissen, was mit mir passiert. Außerdem bin ich mir sicher, dass mich die wirklich wichtigen Nachrichten, die relevant für mich sind, auch ohne Fernseher erreichen. Und so ist es auch. Ich kann immer noch bei vielen Themen mitreden. Außerdem habe ich ein Notebook und ein Smartphone. Da wo ich definitiv nicht mitreden kann sage ich immer „Oh, habe keine Ahnung davon. Kannst du mir bitte erklären, was da gerade abläuft“ und meistens bin ich dann anschließend im Bilde. Ich werde dann zwar erneut wieder komisch oder mitleidig angeschaut, so nach dem Motto „Die hat ja gar keine Ahnung“ oder „Meine Güte ist die blöd“, aber ich habe gelernt dazu zu stehen. Und wenn mich das Thema, das mir gerade erklärt wurde wirklich interessiert oder relevant für mich ist, dann recherchiere ich dazu und kann dann später mitreden. Nur in dem ich so viele Informationen über ein Thema sammle wie möglich, kann ich mir meine eigene Meinung darüber machen. Ich verlasse mich nicht auf die Erzählungen von anderen. Selbst wenn sie noch so einleuchtend klingen.

Es wird klar, dass ich in Wirklichkeit schon wissen möchte, was in der Welt passiert. Aber ich weiß auch, dass wir von den Medien und Meinungsmachern manipuliert werden. Und ich habe beschlossen mich nicht mehr manipulieren zu lassen. Okay. Wir werden irgendwie alle manipuliert. Ich auch. Selbst wenn ich beschlossen habe, mich nicht mehr manipulieren zu lassen. Aber die Möglichkeit manipuliert zu werden, möchte ich soweit wie möglich auf ein Minimum reduzieren.

Auch während dem Auto fahren ist mein Smartphone, auf dem meine Lieblingssongs gespeichert sind, mit dem Autoradio per Bluetooth verbunden. Die Verkehrsmeldungen möchte ich auch nicht hören, weil ich meistens auf den aktuell gemeldeten Strecken nicht fahre. Falls ich eine lange Strecke fahren muss, teilt mir Google alle wichtigen Störungen auf der Strecke mit und leitet mich um. Google liefert die wirklich relevanten Informationen. Danke Google! I Love you! Grins. Jetzt regen sich vielleicht alle Datenschützer auf. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. In bin absolut für Schutz der eigenen Daten. Aber im Zeitalter von Facebook und google hat in meinen Augen der Datenschutz nur noch einen symbolischen Charakter. Die Bestrafungen, die für Verstöße gegen diesen symbolischen Charakter vorgesehen sind, halte ich für nicht verhältnismäßig. So wird Angst produziert und das Einkommen von rechtssicheren Anwälten gesteigert. Sogar reale Angst wird produziert. Die Summe, die für Verstöße gegen Datenschutz erhoben werden, sind schwindelerregend und verhindern Existenzgründungen und vernichten bestehende Existenzen. Jedem Unternehmer in Deutschland zolle ich meinen höchsten Respekt! Ich bin nebenher auch Webdesignerin in eigener Regie und bin mir nicht sicher, ob mein Impressum und auch meine Datenschutzerklärung rechtskonform sind. Warum? Man stelle sich vor: da wird die neue Datenschutzgrundverordnung erlassen und kein Anwalt, will rechtssicher einen solchen Text erstellen. Alle verpissen sich in der Schlussfloskel mit der Erklärung, dass es sich um ein neues Gesetz handelt und man in Zukunft sehen wird, wie die Rechtsprechung sein wird. WHAT? Wo leben wir? Was sind wir für ein Land? Bis zur Schlussfloskel haben die Anwälte riesig viel Geld verschlungen. Und dann diese Schlussfloskel? Oh no!

Ich bin für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben. Zuerst muss ich mich um mich kümmern, dann kann ich eventuell anderen helfen. So und nicht anders. Das hört sich für viele jetzt sehr egoistisch an. Das ist es auch. Aber ich würde sagen, dass das ein gesunder Egoismus ist, der mich mal irgendwann erreichen musste. Jetzt endlich hat er mich erreicht. Zu viele Jahre habe ich immer versucht anderen zu helfen und es jedem recht zu machen. Ich war die fleißige Biene und bin es immer noch. Wie gesagt, ich mache meinen Job gerne.

Ungeachtet auf mein Befinden war ich immer für andere da. Die Rechnung war jedes Mal Panikattacken und Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit bis zur tatsächlichen vollkommenen Bewegungslosigkeit. Es war eine Bewegungslosigkeit die mir die Psyche auferlegt hatte und Bewegungslosigkeit, die mir mal eine komplette Woche mein Bewegungsapparat auferlegt hatte. Eine komplette Woche Bewegungslosigkeit unter unsagbaren realen Schmerzen bei jedem Versuch einer Bewegung. So dass mich die Ärzte im Krankenhaus eine Woche unter Morphium stellen mussten. Das reicht würde ich sagen.

Es geht um mich und um niemand anderen. Ich habe die Vermutung, dass Menschen, die unter Panikattacken leiden, diesen Satz „Es geht um mich“ öfter zu sich sagen sollten. Die Angst hat recht und sie lässt sich nicht wegwischen. Die Angst begrenzt uns alle, wenn wir sie nicht ernst nehmen. Ich nehme meine Freundin Hilda sehr ernst. Und seither begrenzt sie mich nicht mehr sie öffnet mir neue Horizonte. Ich möchte sie nicht mehr hergeben. Ich möchte Hilda nicht mehr negativ als Angst bezeichnen. Sie ist meine beste Freundin. Sie warnt mich, gibt mir ein gutes Gefühl im Erkennen und Erspüren von anderen Menschen und sagt mir, von wem ich mich fernhalten soll.

Seit ich diese Einstellung habe und es mir auch immer besser gelingt diese zu leben, geht es mir besser.

Wenn ich in einer Situation einen merkwürdigen Stich in der Brustgegend bekomme und sich da etwas zusammenzieht, dann muss ich handeln. Dann weiß ich, dass mir da irgendetwas nicht guttut. Handeln tue ich indem ich das anspreche oder mich aus der Situation herausbewege.

Meine Eltern und ich

An diesem Kapitel komme ich nicht vorbei. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Eltern in dieses Buch hineinziehe. Ich vermute mal, sie werden nicht erfreut darüber sein, wenn ich das mache. Aber es geht kein Weg daran vorbei. Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich auf die Welt gekommen bin und sie haben mich erzogen – mit allen Vor- und Nachteilen.

Aber allem voran: Meine Eltern gehören in meinen Augen zu den besten Eltern der Welt und ich liebe sie wirklich. Wenngleich es in den nachfolgenden Ausführungen vielleicht nicht so anmutet. Ich habe eine bestimmte Art, bin eigentlich ein sehr herzlicher Mensch. Aber Sie sollen sich selbst ein Bild darüber machen.

Das beste was Eltern in meinen Augen tun können ist, das Kind aufzufangen, wenn es gefallen ist. Eltern können ihre Kinder nicht vor dem Hinfallen schützen. Jeder Mensch fällt mal hin: in echt und im übertragenen Sinne. Ich bin sowohl in echt, als auch im übertragenen Sinne mehrmals hingefallen. Meine Eltern haben mich immer und jedes Mal aufgefangen und sie waren immer für mich da. Liebe zu zeigen, fiel ihnen immer schwer. Aber ich denke, sie lieben mich. Oder so was Ähnliches. Wenn Liebe bedeutet, da zu sein für den anderen, dann haben mich meine Eltern geliebt und sie lieben mich immer noch sehr. Aber ich habe nie gesehen, dass meine Eltern sich küssten, in den Arm genommen haben oder etwas in dieser Art. Meine Schwester und ich haben in dieser Form auch keine körperliche Liebe von den Eltern erfahren. Weder ich noch meine Schwester wurden mal in den Arm genommen von den Eltern und meine Eltern haben auch nicht gesagt „ich liebe Dich“. Aber die Eltern waren immer da und sie sind es bis heute noch. Ein riesen Geschenk des Lebens. Sie sind mit über 80 Jahren immer noch sehr fit.

Die Liebe meiner Eltern hat nicht unbedingt zu einer „Selbstliebe“ mir selbst gegenüber beigetragen. Immer war ich in ständigem Zweifel ob ich ausreichend bin. Ausreichend für die Umwelt und ausreichend für einen Partner. Das bereitet mir heute noch Schwierigkeiten und ich muss noch einiges lernen. Wenn ich als Kind etwas falsch gemacht habe, dann wurde ich mit Liebesentzug bestraft. Meine Mutter bestrafte mich dann einige Zeit mit starker Ignoranz und einem sehr vorwurfsvollen und enttäuschten Blick. Oh meine Güte, ich habe mich dann immer unendlich schuldig gefühlt und wusste nicht, wie ich es wieder gut machen kann. Liebesentzug ist in meinen Augen, die höchste Bestrafung für ein Kind.

Die „Selbstliebe“ ist aber auch heute noch immer und stetig eine besondere Herausforderung für mich. Wenn ich mich selbst nicht liebe, dann kann ich auch niemand anderen lieben und auch keine Liebe empfangen.

Meine Eltern sind auch sehr ängstliche Eltern. Mein Vater hat mir gegenüber selbst schon eingestanden, dass er auch mal Panikattacken hatte. Aber näher sind mein Vater und ich nicht ins Thema eingestiegen. Er signalisierte, dass er das nicht möchte. Das respektiere ich.

Meine Mutter ist von Grund auf eine extrem ängstliche Person. Sie kämpft immer und immer wieder mit ihrem Puls und ihrem Blutdruck. Als beim letzten Mal der Notarzt vorbeikam, der sehr hilflos wirkte, weil meine Mutter gerade in diesem Moment, als der Notarzt da war, keinen hohen Blutdruck hatte, sagte ich „Mama, sag es doch. Wir sind in dieser Familie alle bekloppt. Wir haben Panikattacken“. Meine Mutter war entsetzt und hat mich ungläubig angeschaut, der Arzt wirkte daraufhin mehr als erleichtert. Es war ein sehr junger Arzt. Dennoch hat er meine Mutter, weil sie ja über 80 Jahre alt ist, vorsichtshalber ein paar Tage in das Krankenhaus eingeliefert. Aber auch im Krankenhaus wurde festgestellt, dass meine Mutter medizinisch gesehen nichts hat.

Die Angst scheint vererbt zu sein oder mit in die Wiege gelegt zu sein, in meinem Fall.

Auf dem Weg der Suche nach einem Weg aus der Angst heraus, war ich mal bei einem Allgemeinmediziner, der irgendwelche magnetfeldtherapeutische Behandlungen machte. Es handelte sich um einen Allgemeinmediziner aus den Nachbarorten wo ich wohnte. Bei einer der Behandlungen sagte er „…und nimm die Ängste der Ahnen mit dir“ oder so ähnlich. Hört sich jetzt sehr diffus an, aber so war es auch. Auf jeden Fall scheint es so zu sein, dass mir irgendein Ahne die Angst mitgegeben hat, vielleicht auch meine Eltern. Dieser Ahne scheint gesagt zu haben: “Nehme die Angst mit dir und versöhne dich mit ihr“. Ich habe heute das Gefühl, dass ich mich mit der Angst versöhnt habe, wenngleich ich immer noch einen sehr großen Respekt vor der Angst, vor Hilda, habe.

Ja, meine Eltern. Ein ganz spezielles Kapitel.

Ich würde sagen, sie stellen auch heute noch eine immer wieder besondere Herausforderung für mich dar und ich selbst bin schon eine besondere Herausforderung für sie, also für meine Eltern. Beide sind jetzt über 80 Jahre alt und sind zum Glück nicht dement oder etwas in dieser Art. Sie haben vor kurzem ihren 60. Hochzeitstag gefeiert. Und gerade eben, hatte ich eine riesen Diskussion mit meinen Eltern. Meine Mutter berichtete, dass vor kurzem jemand da war, der Honig gekauft hat von meinem Vater (mein Vater ist noch Imker). Dieser berichtete, dass der Enkel, wegen eines jugendlichen Syrers keine Ausbildungsstelle gefunden hat. Okay. Das kann ja sein. Aber das glaube ich nicht. Das werte ich als die individuelle Interpretation eines Opas, der seinen Enkel in Schutz nehmen möchte. Es gibt viele Gründe, warum ausgerechnet, dieser Enkel keinen Ausbildungsplatz gefunden hat und dann zu guter Letzt noch gegen einen syrischen jugendlichen „verloren“ haben soll. In solchen Fällen möchte ich mir gerne eine eigene Meinung machen und mich nicht auf Erzählungen von anderen verlassen. Okay, es gibt in unserer Gesellschaft schon zahlreiche Ungerechtigkeiten und Unverständlichkeiten. Aber nur aufgrund einer Erzählung einer einzigen Person, kann ich nicht urteilen. Ich bin aus der Diskussion heraus gegangen und habe mich zurückgezogen und schreibe dieses Buch weiter.

Meine Eltern sind im hohen Alter, etwas langsamer als früher, im Denken und im Handeln, aber insgesamt noch sehr fit. Beide halten ein Haus mit über 200 qm Wohnfläche und ein Grundstück mit weit mehr als 800 qm am Laufen. Alle Achtung. Mein Vater kümmert sich um den Garten und auch um seine Bienen – er ist immer noch Imker.

Meine Mutter hält den kompletten Haushalt in Schuss.

Aber ich wohne in der Dachwohnung im Haus meiner Eltern und bin wieder das schutzwürdige Kind für sie.

Nach meiner letzten Trennung hatte ich so einige Dates mit Männern. Das erste Date hatte ich meiner Mutter vorher berichtet. Bei diesem Date hatte ich mein Smartphone noch griffbereit, hätte ja sein können, dass meine Eltern meine Hilfe benötigen. Um 21 Uhr ruft mich meine Mutter an und sagt, ich solle sofort nach Hause kommen. Dieser Mann sei nicht gut für mich und er würde mich unter Drogen setzen. Das war absolut nicht der Fall. Das Date und ich wir waren uns eigentlich sehr sympathisch. Er war Amerikaner, hat meine Sprache nicht verstanden, aber er hat sehr wohl die Lautstärke der Unterhaltung mit meiner Mutter verstanden und wer da am Telefon ist. Das Date war danach over und der Mann nicht mehr erreichbar. Ich bin nur an das Smartphone gegangen, weil ich dachte, mit meinen Eltern sei etwas passiert. Stattdessen hat meine Mutter irgendwelche Wahnvorstellungen gehabt.

Ab da habe ich beschlossen, ab sofort bei meinen Eltern nicht mehr die Wahrheit zu sagen, wenn ich mich jemals noch einmal mit einem Mann treffen sollte, den sie nicht kennen. Ich bin in ihren Augen immer noch das schutzwürdige Kind. Was da für eine Beleidung drinnen steckt mir gegenüber. Mit über 50 Jahren immer noch das schutzwürdige Kind, das die Eltern zum Handeln veranlasst. Ich werde mit über 50 Jahren immer noch nicht für voll genommen von meinen Eltern. WOW.

Und das war auch gut so, dass ich meinen Eltern ab diesem Zeitpunkt, nichts mehr erzählt habe. Der nächste Mann hat ins Schema meiner Eltern gepasst und ich war auch sehr verliebt ihn. Aber das ist nach etwa 8 Wochen auseinander gegangen, weil ich mich schneller verliebt hatte als er. Nach diesem absolut für meine Eltern konformen Mann, verlief es dann sehr turbulent mit meinen Männer-Dates. Der nächste war 13 Jahre älter als ich und ein Jordanier, der aber schon seit 40 Jahren in Deutschland lebte. Ich habe ihn beim Fahrradfahren kennengelernt. Wir sind regelrecht zusammengestoßen. Er ist vom Fahrrad gefallen, danach haben wir uns in die Augen geschaut und waren verliebt ineinander. Das hielt für zwei sehr leidenschaftliche Wochen an. Bis ich eine SMS bekommen habe in der war zu lesen „Juliana, die Nacht mit Dir war einfach wunderbar“. Mein Name ist Karin und nicht Juliana. Danach folgte ein sehr erfolgreicher Anwalt aus Kent, der aber ursprünglich aus Nigeria stammte. Und ab da musste ich schweigen oder eine Lüge erfinden, um ein Date zu realisieren, zumindest immer für das erste Date.

Ich war 50 Jahre alt. Und meine Eltern hatten immer noch das Bedürfnis mich von einem Date mit einem Mann abzuhalten. Ich konnte und kann das auch heute noch gar nicht verstehen.

Aber es hat mir die Augen geöffnet: vor allem neuen und unbekannten ist höchste Warnstufe angesagt. Könnte ja sein, dass ich gekillt werde. In Wirklichkeit kann es sein, dass ich jeden Moment tot umfalle. Aber nicht unbedingt wegen einem Mann. Die Angst meiner Eltern, dass mir etwas Schlimmes passiert, ist auch heute noch immens ausgeprägt. Sie wollen mich schützen, indem sie versuchen mich dazu zu bewegen, etwas aus diesem Grund nicht zu tun oder genau das zu tun, was sie für richtig halten. Aber das funktioniert bei mir nicht mehr. Meine Eltern haben mich mein ganzes Leben dazu bewegt etwas aus einem fremdbestimmten Grund zu tun. Damit war und ist jetzt ein für alle Mal Schluss. Ich bin für mich da und ich bestimme was ich tue. Ein harter und immer noch andauernder Kampf.

Da ich nicht allein bleiben möchte, wurde meine Suche nach einem Partner immer turbulenter. Ich habe wirklich sehr interessante Personen kennengelernt. Teilweise über das Internet und teilweise im realen Leben. Ich bin dankbar für jede Begegnung. Jedes Mal habe ich etwas dazugelernt. Teilweise habe ich wirklich gute Freunde gewonnen.

Ich war auf Tinder und ich war auf Parship. Überall in der Welt steht, dass man bei Dates sehr vorsichtig sein muss. Das bestätige ich. Man muss sehr vorsichtig sein. Aber ich habe bisher nicht eine einzige schlechte Erfahrung gemacht bei einem Date.

Wenn irgendjemand hörte, dass ich ein Tinderdate hatte, dann haben das die anderen das immer mit einem Sexdate in Verbindung gebracht. Das ist nicht so. Es liegt immer an einem selbst, was man daraus macht. Wenn Sex die Intention ist, dann bekommt man das auf Tinder selbstverständlich sehr schnell. Man trifft aber auch sehr interessante und wertvolle Menschen, die man ohne Sex treffen kann. Es kommt auf den Blickwinkel an und auf das, was man möchte. Tinder würde ich deshalb als generell sehr gut bezeichnen, wenn man auf der Suche nach einem Partner ist, weil die Reaktionszeiten sehr schnell sind. Für alle ungeduldigen Menschen zu empfehlen.

Meine Schwester und ich

Meine Schwester ist 6 Jahre älter als ich. Sie hat blonde Haare und blaue Augen. Ich habe fast schwarze Haare und grüne Augen. Wir sehen uns auf den ersten Blick nicht ähnlich. Aber näher betrachtet, sieht jeder, dass wir Schwestern sind.

Auf den ersten Blick haben wir auch keinen ähnlichen Lebenslauf. Nur auf den zweiten Blick. Auch meine Schwester befindet sich in Psychotherapie, weil es im Leben allzu viele Fragezeichen gibt.

Wir haben merkwürdigerweise im Moment die gleichen Themen zu beackern. Aber ich habe meiner Schwester versprochen, in diesem Buch nicht zu erzählen, was das für Themen sind. Und somit ist das Kapitel „Meine Schwester und ich“ beendet.

Die Nachrichten

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es in den Nachrichten so gut wie keine positiven Meldungen gibt? Während ich dieses Buch am PC schreibe poppt manchmal unten rechts am PC ein kleines Fenster mit Meldungen auf.

Neulich war eine Kurzmeldung zu lesen, dass ein Paar, welches wandern war, irgendwo in der Welt von einem Felsen gestürzt ist. Okay. Das ist wirklich schlimm und auch sehr tragisch. Aber was habe ich mit diesem Paar zu tun? Ich lebe hier in einem kleinen beschaulichen Dorf in der Südpfalz. Ich kenne diese Menschen nicht. Ich bedauere das sehr. Aber wieso kommt keine Meldung, dass meine Freundin wieder einen Hund gerettet hat? Wieso wird über Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen nicht berichtet? Überlegen Sie mal. Wie würden wir uns fühlen, wenn wir mal nur einen Tag lang ausschließlich positive Nachrichten empfangen würden? Das Leben wäre vollkommen anders. Und es gibt diese positiven Nachrichten, nur wird nicht oder so gut wie nicht darüber berichtet. Oder meinen Sie, dass positive Nachrichten Sie nur langweilen würden?

Man könnte es ja mal testen, was wäre, wenn mir mal einen Tag lang positive Nachrichten erhalten würden.

Ich würde sagen, es würde uns allen viel besser gehen. Eventuell wäre die Grundunzufriedenheit der Menschen geringer und eventuell würden weniger Frustkäufe getätigt werden. So gesehen wären positive Nachrichten wirtschaftsschädigend. Der Rubel muss ja schließlich rollen.

Warum schließen wir Versicherungen ab? Weil wir Angst haben, dass etwas passiert. Wir schließen die Versicherungen ab, für den Fall der Fälle. Der Grundgedanke, das Solidaritätsprinzip der Versicherung an sich, ist genial. Aber sind wir doch mal ehrlich: im Falle eines Schadens müssen wir kämpfen, damit wir Ersatz bekommen. Ich kann zwei Fälle berichten in denen ich, trotz vorhandener Versicherung, auf den Kosten in Höhe von insgesamt € 3000,- sitzengeblieben bin. Nicht zu fassen. Das Kleingedruckte hatte ich wohl übersehen. Auch meine Zahnzusatzversicherung hat mich im Fall der Fälle allein gelassen. Eigentlich hat mein Zahnarzt etwas gemacht, das die Versicherung übernimmt. Ich wusste aber nicht, dass der Zahnarzt einen zu hohen Abrechnungssatz hat, den die Versicherung nicht übernimmt. Da habe ich also Jahre lang in diese Versicherung eingezahlt und musste doch wieder selbst zahlen. So war das eigentlich so nicht gedacht. Ich habe die Versicherung gekündigt.

Nochmal zurück zu den Nachrichten. In der Akutphase meiner Panikattacken haben mich die täglichen Nachrichten meistens schlecht fühlen lassen. Meine Angst war umso präsenter und ich musste mich dann noch stärker mit ihr auseinandersetzen als ich es eh schon tat. Meldungen von Ertrunkenen in einem See, Unfällen auf der Autobahn, Flugzeugabstürzen usw. haben meine Angst bestätigt und damit verstärkt.

Also war es für mich gut Abstand von den täglichen Meldungen zu nehmen, die man in den meisten Fällen, eh nicht braucht. Und es hat geholfen.

Noch ein kleines Beispiel: Seit meine Angst mich nicht mehr im Griff hat, reise ich sehr gerne. Ein Zufall hat mich veranlasst, nach Beirut zu fliegen. Das Einzige, was mich zu diesem Zeitpunkt interessierte, waren die Einreisebestimmungen, also die Frage, ob ich ein Visum benötige. Gut, man weiß, dass Libanon ein „Krisenland“ ist. Aber mehr wollte ich dazu nicht wissen. Überall im Internet war zu lesen, dass man bei der Einreise am Flughafen ein Visum erhält und es cirka 40 Dollar kostet. Diese Information habe ich auch von einem in Beirut lebenden Libanesen erhalten. Also habe ich vor meiner Einreise Euro in Dollar getauscht, damit ich das Visum bezahlen kann.

Fakt war: ich habe kein Visum benötigt. Bei der Einreise durchläuft man Grenzkontrollen, die einen Stempel in den Reisepass machen und das war es dann auch schon. Die Dollars waren mir auf dem Rückflug sehr nützlich, weil ich mir sehr preiswert eine Stange Zigaretten kaufen konnte.

Nun bin ich zum dritten Mal nach Beirut geflogen und hatte die Idee, mal zum Thema „Einfuhrbestimmungen“ zu googlen. Meine konkrete Frage war eigentlich, wieviel Liter Alkohol ich mit in den Libanon nehmen darf. Gut ich bin fündig geworden. Habe aber auch andere „Warnhinweise“ gefunden. Z.B. dass man nach Möglichkeit keine Fotos von Regierungsgebäuden machen solle oder auf keinen Fall Fotos von Grenzen. Man würde Gefahr laufen verhaftet zu werden. Nun, bis dahin war ich bereits schon zwei Mal dort und ich habe vorher Fotos von Regierungsgebäuden und auch von Grenzbereichen gemacht. Teilweise haben sogar Soldaten zugesehen, während ich die Fotos gemacht habe oder sie haben sich mit mir unterhalten, sie haben sich sogar von mir fotografieren lassen und ich wurde nicht verhaftet.

Die Warnungen, die ich im Internet gelesen habe vor meiner dritten Libanon-Reise, haben mich richtig wütend werden lassen. Würde denn mal irgendjemand richtig recherchieren? Wieso diese Hinweise. Nach meiner Erfahrung sind sie alle nicht wahr. Nirgendwo steht zu lesen, dass Deutsche im Libanon sehr willkommen sind und sehr freundlich und zuvorkommend behandelt werden. Ja und noch was: die deutsche Kultur wird dort sogar sehr verehrt und mit großem Respekt betrachtet.

Okay. Man muss schon vorsichtig sein, wenn man in ein fremdes Land reist. Aber nicht zu vorsichtig. Nicht immer wird alles „so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ und manchmal muss man seiner Eingebung einfach nur folgen.

Was ich damit nur sagen möchte ist, dass man den Medieninformationen nur selektiv vertrauen kann. Die Medien machen einen Rundumschlag mit der Angst und wir folgen den Informationen ohne zu merken, dass wir beeinflusst werden. Daher möchte ich jeden dazu ermuntern bestrebt zu sein, sich über alles sein eigenes Bild zu machen und übermittelte Informationen generell respektvoll entgegenzunehmen, aber weitere Informationen und Meinungen einzuholen. In meinen Augen, sind generelle Rundumschläge für Panikattackepatienten sehr schädlich.

Die Angst der Woche

„Die Angst der Woche“ ist ein Buch von Prof. Dr. Walter Krämer. Das Buch hat den Untertitel „Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten“.

Walter Krämer ist ein deutscher Ökonom. Er ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund.

In seinem Buch „Die Angst der Woche“ gibt Walter Krämer Einblicke, wie durch Medien Ängste erzeugt werden. Alles mit dem Ziel der Auflagensteigerung. Mit Hilfe von Statistiken werden Tatsachen verdreht und es wird uns eine Welt voller Gefahren vorgetäuscht.

Wir fürchten uns offensichtlich wirklich vor den falschen Dingen. So wissen wir z.B. alle, dass zu fettes Essen schlechte Blutwerte beschwert und die Gefahr an Magen- der Darmkrebs und anderen Folgen zu sterben hoch ist. Aber wir essen alle fröhlich weiter. Wenn es in den Medien eine Meldung über Pestizide im Gemüse gibt, bekommen wir Panik und das Gemüse wird aus dem Verkehr gezogen.

Gutes Beispiel ist nach Walter Krämer der BSE-Skandal. Bis heute sei an dieser Krankheit kein einziger in Deutschland gestorben. Aber die verursachte Panik zu diesem Skandal habe uns Steuerzahler rund eine Milliarde Euro gekostet und zahlreichen Landwirten das Vermögen und die Existenz gekostet. Das ist nur eines von zahlreichen Beispielen, die Walter Krämer in seinem Buch anführt.

Walter Krämer sammelt seit der BSE-Panik am Schwarzen Brett seines Statistik Lehrstuhls an der TU Dortmund unter dem Titel „Die Angst der Woche“ Meldungen aus aller Welt.

Unter anderem sind dort folgende Meldungen zu lesen, die tatsächlich in den Medien verbreitet wurden:

Achtung Kokosnüsse. Jedes Jahr werden weltweit mehr als 100 Menschen durch herabfallende Kokosnüsse erschlagen“.

Hai tötet Touristin im Roten Meer. Eine deutsche Urlauberin hatte vor ihrem Hotel im ägyptischen Scharm el-Scheich im Meer gebadet; es war das letzte Mal“.

Es ist nicht zu fassen. Die Panikmechanik funktioniert. Nach solchen Meldungen ist sich jeder über die Gefahr, die Kokosnüsse auslösen bewusst und wieder andere haben Angst vom Hai gefressen zu werden – selbst wenn weit und breit kein Meer in Sicht ist. Tja und die Kokosnüsse wachsen auch nicht in Deutschland. Die Welt diskutiert darüber, schließlich ist es ein wichtiges Thema, es wurde in den Medien darüber berichtet.

Nach Walter Krämer hat die Panik einen sehr einfachen Funktionsmechanismus:

Zuerst wird die Existenz einer Gefahr betont. Im zweiten Schritt wird der Konjunktiv freigebig als Zaubermittel eingesetzt. Selbst wenn noch nie ein Schaden aufgetreten ist, wird mit Hilfe des Konjunktivs mahnend darauf hingewiesen, dass ein Schaden auftreten könnte.

Diese Panikmechanik wird von Medien, Politikern und anderen Meinungsbildnern schamlos ausgenutzt. Und viele von uns lassen sich in die Panik mitreißen. Für mich als Panikattackepatientin kann das gesundheitsschädlich sein.

Es gibt sehr viele positive Meldungen, über die wir berichten könnten. Wir könnten beispielsweise darüber berichten

  • dass viele behinderte Jugendliche in diesem Jahr erfolgreich eine Ausbildung absolviert haben und auch einen Job gefunden haben.
  • Dass es immer wieder Arbeitgeber gibt, die schwerbehinderte Menschen einstellen.
  • Dass wir in seinem sehr schönen Land leben, in dem man Urlaub machen kann mit großem Erholungswert.
  • Dass unter den Flüchtlingen viele qualifizierte Arbeitskräfte sind, die, wenn sie eine Arbeitserlaubnis hätten, den Fachkräftemangel reduzieren würden.

Aber ich glaube, positive Nachrichten möchte die Öffentlichkeit nicht lesen. Das wäre zu langweilig und die Medien würden ihre Auflagen nicht steigern können.

German Angst

„German Angst“ ist tatsächlich ein feststehender Begriff. Der Begriff steht für die Angst der Deutschen.

German Angst bezeichnet das Phänomen der grundlosen Angst oder Besorgtheit, das von vielen Beobachtern besonders aus dem angelsächsischen Raum als typisch deutsch empfunden wird. Wenn Sie mal mit dem Suchbegriff „German Angst“ googlen, erfahren Sie, dass wir Deutschen ein überaus ängstliches Volk sind. Allerdings hat diese Angst eine Geschichte. Ich möchte hier nicht weiter auf „German Angst“ eingehen.

Aber für alle Panikattackepatienten finde ich es wichtig zu wissen, dass es diesen Begriff und auch teilweise wissenschaftliche Erklärungen dafür gibt. Wie gesagt: googlen Sie einfach danach.

Auf jeden Fall: Sie sind wirklich nicht allein. Viele haben Angst. Nicht alle haben Panikattacken oder eine Angststörung. Aber die Angst scheint zu unserer Gesellschaft zu gehören. Und wie sagte mein erster Therapeut: „Sie sind in guter Gesellschaft“. Dieser Satz bleibt ewig bei mir!

SIE SIND IN GUTER GESELLSCHAFT!

Es gibt sogar Studien über Angstindizes verschiedener Länder. Da sind wir Deutschen überdurchschnittlich weit vorne.

Also: bekennen Sie sich zu ihrer Angst, zu ihrer Panikattacke und arbeiten sie mit ihr. Mir hat es geholfen, meine Situation zu erkennen und zu erkennen, dass ich etwas ändern musste. Und ich habe etwas geändert.

Unsere Gedanken und Gefühle

Unsere Gedanken sind dafür mitbestimmend wie wir uns fühlen.

Gefühle wie Freude und Leid, Liebe, Hass und Leidenschaft, Verzweiflung, Hoffnung und Zuversicht, Misstrauen und Vertrauen haben unterschiedliche Auswirkungen auf uns und auf unseren Körper.

Je nachdem wie wir uns fühlen variieren die Art der Atmung, die Geschwindigkeit des Pulses und die Höhe des Blutdrucks. Auch unser Blick kann sich verändern. Last but not least kann man unsere Stimmung / unsere Gedanken sogar gelegentlich in unserem Gesichtsausdruck sehen.
Außerdem erzeugen bestimmte Gefühle bestimmte Frequenzen und sind messbar.

Irgendwann habe ich angefangen auf meine Gedanken zu achten. Wann das genau war, kann ich nicht mehr so genau sagen. Aber richtig bewusst war es im Jahr 2018, als ich das Buch „The Secret“ von Rhonda Byrne gelesen habe. Seit diesem Jahr hat meine Bewegungsfreiheit ein für mich nie vorstellbares Maximum erreicht. Diese Bewegungsfreiheit hätte ich mir auch in Zeiten, in denen ich noch nie eine Panikattacke hatte, nicht vorstellen können.

Ich achte verstärkt darauf, positive Gedanken zu haben. Das ist aber wirklich nicht einfach. Wir sind von Medien und vielen Menschen umgeben. Im Kapitel „Nachrichten“ habe ich ja schon erwähnt, dass die Medien und Meinungsmacher durchaus eigennützig versuchen die Menschen zu manipulieren. Ebenso unsere Chefs, unsere Arbeitgeber, Kollegen, Freunde und die Familie. Überall wo wir auf andere Menschen treffen, ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass jemand oder etwas versucht uns zu manipulieren.

Ich behaupte, dass meine Panikattacken zu einem großen Teil daraus resultieren, dass ich mich von meiner Umwelt habe manipulieren lassen. Wenn jemand meine Hilfe brauchte, war ich immer sofort zur Stelle, schließlich muss man ja helfen. Wenn es mehr Arbeit im Betrieb gab, war ich auch sofort zur Stelle, schließlich muss ich ja meine Pflicht erfüllen. Durch irgendwelche Negativmeldungen oder Prognosen über den weiteren Wirtschaftsverlauf habe ich mich immer negativ beeinflussen lassen. Ich habe Druck verspürt. Jetzt nicht durchhängen und weiter machen. Sonst verlierst du den Arbeitsplatz. Wenn meine Eltern meinten, das könnte oder sollte ich nicht tun, weil entweder die Leute schlecht reden würden oder ein Projekt von Anfang an zum Scheitern verurteilt wäre, dann habe ich es nicht getan. Auch in der Wahl meines Studiums war ich nicht ich selbst. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Wenn ich mir das alles so aufliste, dann erschrecke ich etwas. Aber das war, das ist nicht mehr so.

Ich bin mittlerweile froh, dass es mir immer öfter gelingt eine wunderbare „Leck mich am Arsch“-Einstellung einzunehmen. Sorry für diese Wortwahl. Aber das dürfte sehr deutlich sein. Ich nehme anderen gegenüber auch kein Blatt mehr vor den Mund, auch gegenüber Vorgesetzten nicht. Ich sage wie es ist und wie ich es denke.

In „The Secret“ wird u.a. erklärt, dass Positives nur von Positivem angezogen wird und umgekehrt. Wenn man also nur negative Gedanken hat, kommen immer noch mehr negative Gedanke dazu – die Angst vor der Angst, bei der Angststörung, bestätigt das. Man dreht sich im Kreis. Selbstverständlich habe ich auch heute noch immer wieder negative Gedanken. Aber ich versuche dann, mich wieder zurück zu holen und meine Gedanken in eine andere und positive Richtung zu bewegen. Und siehe da: An Tagen, an denen ich bereits morgens schon positiv denken kann und voller Elan aufwache, läuft der Tag wie von selbst und alle Menschen, die mir begegnen sind freundlich und abends kann ich sagen, dass es ein guter Tag war.

Ich habe mir auch angewöhnt bevor ich abends schlafen gehe, nicht mit einem negativen Gedanken einzuschlafen und morgens, wenn ich aufwache, an etwas Positives zu denken. Das ist nicht immer einfach. Aber wie heißt es so schön: Übung macht den Meister.

Meine Mutter sagte in diesem Jahr mal zu mir „Für dich ist die Welt nicht groß genug“. Es ging ein kleiner Disput zwischen meiner Mutter und mir voraus und dabei wirkte sie sehr resigniert und enttäuscht über mich. Aber ein größeres und schöneres Geschenk hätte sie mir in diesem Moment nicht machen können. Das war eine unglaubliche Rückmeldung!

Ja, die Welt ist groß und es gibt viel zu entdecken! Auch im Alter von 52 Jahren! Es ist irgendwie nie zu spät.

Begegnungen

Zu Beginn hatte ich geschrieben, dass es in der Akutphase meiner Panikattacken, einer meiner größten Wünsche gewesen wäre, Menschen zu treffen, die in der gleichen Situation sind wie ich. Aber ich bin nur auf Unverständnis gestoßen und ich befürchtete meinen Verstand zu verlieren.

Mein Psychologe sagte „Sie befinden sich in guter Gesellschaft“.

Diese Aussage sollte ich erst ein paar Jahre später verstehen.

Ja, als ich aus der ersten Angst heraus war, sind mir diese Menschen begegnet und ich konnte feststellen, dass ich nie allein war. Und ich habe mich wirklich sprichwörtlich „in guter Gesellschaft“ befunden.

Alle berichteten ähnliche Wege. Bei jedem ist vor der Panikattacke eine extreme Überforderung voraus gegangen, nicht immer kombiniert mit einem tragischen Ereignis – privater oder sonstiger Natur – aber dramatisch. Viele dieser Menschen, die ich getroffen habe, wirken eigentlich sehr lebensfroh und kraftvoll. Keinem dieser Menschen hat man es angesehen, dass sie unter Panikattacken leiden oder litten oder dass sie überhaupt leiden. Viele waren auch in ihrem Beruf sehr erfolgreich. Aber bei allen kam irgendwann mal der Punkt, an dem die Angst sie einholte.

Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich mal als Arbeitstherapeutin gearbeitet habe. Als Arbeitstherapeutin war es meine Aufgabe mit psychisch erkrankten Erwachsenen zu arbeiten. Während dieser Tätigkeit habe ich immer mit Psychologen oder Sozialarbeitern im Team gearbeitet.

Eines Tages kam ein Kollege, der Sozialarbeiter ist, zu mir und sagte: „Oh Karin, wir haben mal eine tolle Teilnehmerin. Die leidet nur unter Panikattacken. Mit dieser Teilnehmerin werden wir gut arbeiten können, endlich mal ein einfacher Fall.“

Diese Aussage von meinem Kollegen hat mich sehr verwundert. Keiner meiner damaligen Kollegen wusste, dass ich auch unter Panikattacken leide bzw. gelitten habe.

Die Aussage von diesem Kollegen gab mir aber Hoffnung und die Erkenntnis, dass Panikattacken also durchaus behandelbar sind und kein hoffnungsloser Fall darstellen.

Menschen, die mir begegnen und mir vom Typ her sympathisch sind, erzähle ich zu gegebener Zeit, dass ich eine Panikattackepatientin bin. Die Reaktion ist dann jedes Mal sehr interessant. Meistens erfahre ich dann, dass mein Gegenüber selbst bereits Panikattacken hatte oder jemanden kennt, der Panikattacken hat. Vor kurzem sagte jemand zu mir: ich glaube, meine Mutter hat das auch. Aber die hat nur Angst und geht nicht mehr aus dem Haus.

Schlusswort

Tja, was soll das jetzt alles?

Wie bereits mehrfach erwähnt. Ich hatte Panikattacken und ich bin immer noch eine Panikattackepatientin.

Die Verzweiflung, die man verspürt, die Hoffnungslosigkeit und die Hilflosigkeit, die einem überkommen im Moment der Panikattacke sind unendlich und schrecklich. Das kann sich niemand, der noch nie Panikattacken hatte, vorstellen.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich befürchtete den Verstand zu verlieren und ich hatte weiterhin die Befürchtung, mich nie wieder frei bewegen zu können.

Aber ich habe es geschafft – aus der Angst heraus.

Ich möchte allen, die unter der gleichen Krankheit leiden Mut machen, den Kampf gegen diese Krankheit anzugehen. Es ist ein Kampf gegen sich selbst. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Es gibt kein X-Punkte-Programm aus der Angst heraus. Die Suche danach lohnt sich. Meine Lösung war es zu lernen darauf zu achten, was mir guttut und für mich zu sorgen. Ich lernte auch mal „Nein“ zu sagen, wenn ich zu etwas keine Lust hatte oder etwas nicht zu mir gepasst hat. Ich habe meine Lebenssituation angeschaut und leider führte bei mir der Weg aus der Angst heraus immer über die Trennung von einem Mann. Das ist nicht bei jedem so. Es bedeutet nur, dass Veränderungen herbeigeführt werden müssen, damit es einem wieder besser geht. Veränderungen herbeiführen ist nicht einfach. Veränderungen durchzuführen sind immer mit Mut verbunden. Daher habe ich bei dem Wort Panikattacke, „Panik“ gestrichen und durch „Courage“ ersetzt.

Literaturempfehlungen

Die Angst der Woche: Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten von Walter Krämer

The Secret – Das Geheimnis von Rhonda Byrne

Irre – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen – Eine heitere Seelenkunde von Manfred Lütz